
Die Empfangshalle
Die große Empfangshalle hatte schon lange keinen Empfang mehr erlebt.Wo früher vermutlich Kutschen vorgefahren waren und Gäste ihre Mäntel abgelegt hatten, standen an diesem Morgen knapp zwanzig junge Menschen mit Kameras um den Hals, Rucksäcken auf dem Rücken und einer Begeisterung in den Gesichtern, die selbst den Staub auf dem alten Kronleuchter beinahe zum Funkeln brachte.Niemand unterhielt sich mehr.Vor ihnen stand Adrian.Alle kannten seine Fotografien. Verlassene Schlösser, aufgegebene Fabriken, alte Theater und Häuser, in denen seit Jahrzehnten niemand mehr wohnte. Seine Bilder erschienen in Magazinen und Ausstellungen, und manche seiner Aufnahmen hatten im Internet Hunderttausende Menschen erreicht.Doch heute ging es nicht um seine Bilder.„Ihr habt heute etwas, das ich normalerweise nicht habe“, sagte er und ließ seinen Blick durch die Gruppe wandern.Eine kurze Pause.„Ihr habt denselben Ort.“Einige sahen sich fragend an.Adrian deutete auf die Halle.„Dieselben Räume. Dieselben Fenster. Dasselbe Licht. Dieselben Gegenstände.“Er nahm seine Kamera vom Tisch neben sich.„Und trotzdem wird heute kein Bild zweimal entstehen.“Jetzt war es vollkommen still.„Denn ihr fotografiert nicht mit einer Kamera.“Er tippte sich mit zwei Fingern gegen die Brust.„Ihr fotografiert mit allem, was ihr seid.“Jennifer lächelte.Genau deshalb hatte sie diesen Workshop unbedingt besuchen wollen.Neben ihr stand eine kleine, kurvige junge Frau in einem rostfarbenen Pullover. Ihre Kamera hielt sie bereits in beiden Händen, obwohl es noch überhaupt nichts zu fotografieren gab.Auf Jennifers anderer Seite stand eine blonde Frau in einem kräftigen smaragdgrünen Oberteil. Eine große, ungewöhnlich geformte Sonnenbrille steckte in ihren hellen Haaren.Jennifer kannte keine von beiden.Noch nicht.„Und deshalb“, fuhr Adrian fort, „habe ich heute eine kleine Aufgabe für euch.“Sofort ging ein erwartungsvolles Murmeln durch die Halle.„Ihr werdet dieses Haus nicht allein erkunden. Ihr geht immer zu dritt.“Einige Köpfe drehten sich bereits.„Jede Dreiergruppe sucht sich einen einzigen Gegenstand.“Adrian hob einen Finger.„Nicht drei. Einen.“Er grinste.„Und dann fotografiert ihr ihn alle drei.“Jemand aus der hinteren Reihe rief: „Das gleiche Motiv? Das ist doch langweilig.“Einige lachten.Adrian ebenfalls.„Das werden wir sehen.“Er wartete, bis es wieder ruhig war.„Ihr dürft den Gegenstand bewegen. Ihr dürft ihn ins Licht stellen. Ihr dürft ihn liegen lassen. Ihr dürft eure Perspektive verändern. Macht mit ihm, was ihr für euer Foto braucht – solange ihr nichts beschädigt und am Ende alles wieder genau dort liegt, wo ihr es gefunden habt.“Dann wurde er ernster.„Und für das Haus gilt eine Regel, die wichtiger ist als jedes Foto, das ihr heute machen werdet.“Er sah in die Runde.„Nehmt nichts mit außer euren Bildern. Und hinterlasst nichts außer euren Fußspuren.“Einige nickten.Adrian griff nach einer kleinen Ledertasche.„Dann wollen wir einmal sehen, wer heute mit wem loszieht.“Er zog den ersten Zettel heraus.Namen wurden aufgerufen.Immer drei.Die Gruppen fanden zusammen und verteilten sich langsam in der großen Halle.Jennifer hörte zu und hoffte insgeheim, wenigstens mit jemandem zusammenzukommen, der nett war.Adrian zog den nächsten Zettel.„Anna.“Die junge Frau im rostfarbenen Pullover neben Jennifer hob kurz die Hand.Den nächsten.„Victoria.“Die Blonde auf Jennifers anderer Seite lächelte und schob mit einer beiläufigen Bewegung die auffällige Sonnenbrille in ihrem Haar ein wenig höher.Adrian griff ein drittes Mal in die Tasche.„Und Jennifer.“Jennifer musste lachen.„Na, das war ja einfach.“Anna lachte ebenfalls.Victoria sah erst Anna, dann Jennifer an.Dann öffnete sie mit einer großen, einladenden Geste beide Arme.„Meine Damen“, sagte sie und lächelte.„Dann finden wir jetzt wohl unser Bild.“Noch konnte keine von ihnen wissen, dass sie am Ende dieses Tages tatsächlich dasselbe Motiv fotografieren würden.Und trotzdem würde keine von ihnen dasselbe Bild mit nach Hause nehmen.
Die drei Fotografinnen
Die drei blieben noch einen Moment in der großen Empfangshalle stehen, während sich die anderen Gruppen nach und nach auf die verschiedenen Flure und Räume verteilten.„Also“, sagte Victoria und sah erst Jennifer, dann Anna an. „Bevor wir uns gegenseitig mit unseren Kameras erschlagen – ich bin Victoria.“Jennifer lachte.„Jennifer.“„Anna.“„Perfekt.“Victoria klatschte einmal leise in die Hände.„Dann sind wir jetzt für die nächsten Stunden ein Team.“Es klang, als hätte sie sich tatsächlich darüber gefreut.Und irgendwie freute Jennifer sich plötzlich auch.Victoria war eine dieser Frauen, die man bemerkte, ohne dass sie etwas dafür tun musste.Das smaragdgrüne Oberteil, die langen blonden Haare, die ungewöhnliche Sonnenbrille darin – selbst zwischen all den Kameras, Rucksäcken und Menschen in der Halle wirkte sie, als wäre sie genau dort, wo sie hingehörte.Anna dagegen hätte Jennifer vermutlich übersehen, wenn sie nicht zufällig direkt neben ihr gestanden hätte.Der rostfarbene Pullover war schlicht, die dunklen Jeans ebenso. Ihre langen dunkelblonden Haare fielen in leichten Wellen über ihre Schultern, und auf ihrer Nase lagen Sommersprossen.Während Jennifer und Victoria noch in die Halle blickten, hatte Anna ihre Kamera bereits gehoben.Klick.Victoria drehte sich um.„Was hast du denn jetzt schon entdeckt?“Anna nahm die Kamera herunter.„Die Türklinke.“Für einen Augenblick sagte niemand etwas.Dann lachte Victoria.Nicht spöttisch.Eher überrascht.„Wir stehen in einem Herrenhaus mit einer Treppe wie aus einem Film, einem Kronleuchter, der wahrscheinlich älter ist als wir drei zusammen, und du fotografierst die Türklinke?“Anna grinste.„Ja.“„Warum?“Anna ging zwei Schritte zurück und zeigte ihnen das Display ihrer Kamera.Die alte Messingklinke war stumpf und dunkel angelaufen. Direkt darunter hatte sich im Holz eine helle Stelle gebildet.„Da haben jahrelang Menschen angefasst“, sagte Anna. „Das Holz ist genau dort abgenutzt.“Jennifer beugte sich näher über das Display.Jetzt sah sie es auch.Eine winzige Spur von all den Menschen, die irgendwann einmal durch diese Tür gegangen waren.„Das wäre mir überhaupt nicht aufgefallen“, sagte sie.Anna zuckte mit den Schultern.„Mir schon.“Victoria betrachtete das Foto noch einen Moment.Dann sah sie Anna an.„Okay. Du bist interessant.“Anna lachte etwas verlegen.„Das weißt du nach einer Türklinke?“„Unbedingt.“Victoria hakte sich für einen kurzen Moment bei Jennifer ein und deutete mit der anderen Hand dramatisch auf den langen Flur.„Komm. Bevor Anna uns noch sämtliche Türklinken vor der Nase wegfotografiert.“Jennifer musste lachen.Auch Anna lachte und folgte ihnen.
Schon nach wenigen Minuten wurde deutlich, dass Adrian recht gehabt hatte.Sie gingen durch dasselbe Haus.Aber sie sahen nicht dasselbe.Victoria blieb vor einem hohen Fenster stehen, durch das ein schmaler Sonnenstrahl in den dunklen Flur fiel.„Jennifer!“Jennifer drehte sich um.„Komm mal her.“Victoria zog sie ein Stück zur Seite.„Stell dich genau hier hin und schau durch deine Kamera nach oben.“Jennifer tat es.Zuerst sah sie nur das Fenster.„Ein bisschen weiter nach links.“Jennifer bewegte sich.„Noch zwei Zentimeter.“„Zwei Zentimeter?“„Vertrau mir.“Jennifer lachte und ging tatsächlich noch ein winziges Stück zur Seite.Und plötzlich fiel der Lichtstrahl genau über das alte Treppengeländer.Staubkörner schwebten darin wie winzige Sterne.Jennifer drückte ab.Sie sah auf das Display.„Oh.“Victoria strahlte.„Siehst du!“Jennifer machte noch ein Foto.„Das ist wunderschön.“„Das hast du fotografiert“, sagte Victoria sofort.„Aber du hast es gesehen.“Victoria schüttelte den Kopf.„Ich habe dir nur gezeigt, wo du hinschauen könntest.“Dann war sie bereits weitergegangen.Jennifer blieb noch einen Augenblick stehen.Sie mochte diesen Satz.Und sie mochte Victoria.
Anna war inzwischen verschwunden.„Wo ist sie denn?“, fragte Jennifer.Victoria sah den Flur hinunter.„Anna?“Keine Antwort.„Na großartig“, sagte Victoria und grinste. „Unser Team löst sich nach sieben Minuten auf.“Dann kam Annas Stimme aus einem kleinen Zimmer auf der rechten Seite.„Hier!“Sie fanden sie vor einem halb zerfallenen Fensterrahmen.Anna kniete auf dem staubigen Boden.„Was machst du denn da unten?“, fragte Jennifer.Anna deutete wortlos auf die Ecke.Zwischen zwei gebrochenen Dielen wuchs eine winzige grüne Pflanze.Victoria ging ebenfalls in die Hocke.„Das gibt es doch nicht.“Anna hob ihre Kamera.Klick.„Wie hast du die denn gesehen?“, fragte Jennifer.„Keine Ahnung.“Anna betrachtete ihr Foto.„Sie war halt da.“Victoria sah erst auf die kleine Pflanze und dann zu Anna.„Ich glaube, ich weiß langsam, was du fotografierst.“Anna hob eine Augenbraue.„Ach ja?“„Alles, woran andere vorbeilaufen.“Anna dachte kurz darüber nach.Dann lächelte sie.„Kann sein.“Jennifer betrachtete die kleine Pflanze.Vor wenigen Sekunden wäre sie selbst daran vorbeigegangen.
Was wir sehen
Im nächsten Raum war es Victoria, die ihre Kamera kaum noch herunterließ.Ein schwerer roter Vorhang hing nur noch an einer Seite der hohen Fenster. Die andere Hälfte lag auf dem Boden.Der Stoff war verblichen, an einigen Stellen sogar zerrissen.Victoria zog ihn nicht zurecht.Sie ging zurück.Dann nach rechts.Wieder zurück.Sie kniete sich hin.Stand wieder auf.Jennifer beobachtete sie amüsiert.„Du läufst mehr, als du fotografierst.“„Natürlich.“„Warum?“Victoria sah durch den Sucher.„Weil ich schon weiß, welches Bild ich haben möchte.“Klick.Sie betrachtete die Aufnahme.Ein Lächeln.„Jetzt habe ich es.“Jennifer trat neben sie.Auf dem Display wirkte der zerrissene Vorhang plötzlich prachtvoll.Das Licht fiel so auf den roten Stoff, dass man kaum bemerkte, wie verblichen er tatsächlich war.„Wow.“Victoria strahlte.„Genau das liebe ich an Fotografie.“Sie hielt Jennifer die Kamera hin.„Du entscheidest, was in deinem Bild wichtig ist.“Anna, die einige Schritte entfernt an einer Wand entlangging, sagte:„Aber der Rest ist trotzdem da.“Victoria sah zu ihr.„Natürlich.“Anna fuhr mit den Augen über die abgeplatzte Tapete.„Man sieht ihn nur nicht.“Einen Moment war es still.Dann lächelte Victoria.„Du bist wirklich eine kleine Philosophin, Anna.“Anna verzog das Gesicht.„Bloß nicht.“Alle drei lachten.Es war nichts Besonderes gewesen.Nur ein Satz.Ein winziger Unterschied zwischen zwei Menschen, die dieselbe Sache betrachteten.Jennifer dachte nicht weiter darüber nach.Warum sollte sie auch?
Je weiter sie in das Herrenhaus hineingingen, desto ruhiger wurde es.Die Stimmen der anderen Gruppen waren irgendwann nur noch entfernt zu hören.Sie kamen an einem ehemaligen Speisezimmer vorbei, an einer kleinen Bibliothek, deren Regale fast vollständig leer waren, und an einem Raum, in dem nur noch die Umrisse längst verschwundener Bilder an den Wänden zu erkennen waren.Anna blieb ständig irgendwo stehen.Einmal wegen eines einzelnen Knopfes auf dem Boden.Dann wegen der Schatten zweier Geländerstäbe.Dann wegen einer alten Kinderzeichnung, die jemand auf die Rückseite einer Tapete gekritzelt hatte.Irgendwann verdrehte Victoria gespielt die Augen.„Anna, wenn das so weitergeht, sind wir heute Abend noch im Erdgeschoss.“Anna sah auf ihre Kamera.„Wir haben doch Zeit.“„Schon“, sagte Victoria. „Aber wir sollen auch noch unseren Gegenstand finden.“„Vielleicht haben wir ihn nur noch nicht gesehen.“Victoria wollte gerade etwas erwidern, als Jennifer sagte:„Ich finde eigentlich schön, dass sie so viel entdeckt.“Victoria legte Jennifer sofort eine Hand auf den Arm.„Ich doch auch!“Dann sah sie Anna an.„Das war überhaupt nicht böse gemeint.“„Hab ich auch nicht so verstanden“, sagte Anna.Und damit war die Sache erledigt.Zumindest für Anna.Jennifer bemerkte nur, dass Anna ihre Kamera danach für eine Weile nicht mehr ganz so oft hob.
Der lange Flur
Im oberen Stockwerk fanden sie einen langen Flur.Am Ende stand eine Tür halb offen.Darüber war noch ein Stück einer alten vergoldeten Verzierung erhalten.Victoria blieb stehen.„Bitte sagt mir, dass wir da reingehen.“Jennifer grinste.„Wir gehen da rein.“Anna war bereits unterwegs.„Natürlich“, rief Victoria ihr hinterher. „Und plötzlich kann sie schnell.“Anna drehte sich im Gehen um und streckte ihr kurz die Zunge heraus.Jennifer lachte laut.Sie mochte die beiden.Sie waren vollkommen verschieden.Und vielleicht gerade deshalb funktionierte es so gut.Als sie das Zimmer betraten, blieb selbst Victoria zunächst still.Es musste einmal das Zimmer der Hausherrin gewesen sein.An einer Wand stand ein alter Frisiertisch. Der Stoff eines kleinen Sessels war fast vollständig zerfallen.Auf dem Boden lagen Glasscherben und Reste einer Tapete, deren Muster nur noch zu erahnen war.Und gegenüber der Tür hing ein gewaltiger Spiegel.Sein goldener Rahmen war dunkel geworden, an mehreren Stellen fehlten kleine Stücke der Verzierung.Doch er war noch immer wunderschön.„Oh mein Gott“, flüsterte Victoria.Jennifer wusste sofort, dass Victoria diesen Spiegel fotografieren würde.Anna hingegen ging daran vorbei.Langsam.Ihr Blick wanderte über den Frisiertisch, über eine geöffnete Schublade, über den Boden daneben.Dann blieb sie stehen.„Hier ist etwas.“Jennifer und Victoria drehten sich zu ihr um.Anna kniete sich neben den Frisiertisch.Fast vollständig im Schatten, zwischen einem Stück Stoff und einigen alten Papieren, stand eine kleine Schatulle.Der Deckel war geöffnet.Anna beugte sich darüber.„Kommt mal.“Jennifer trat neben sie.Victoria kam von der anderen Seite.Von dem, was früher einmal in der Schatulle gelegen haben mochte, war fast nichts mehr übrig.Ein paar einzelne Perlen.Eine dunkle Kette.Ein verbogener Ohrring.Und darunter, halb verborgen im alten Stoff, lag ein Anhänger.Anna schob nichts zur Seite.Sie berührte nichts.Sie sah nur hin.Dann blickte sie zu den beiden anderen Frauen.Ihre graugrünen Augen leuchteten.„Ich glaube, wir haben unseren Gegenstand gefunden.“Anna betrachtete den Anhänger noch immer, ohne ihn anzufassen.Das Holz in seiner Mitte war warmbraun, zumindest dort, wo man die Farbe unter der feinen Staubschicht noch erkennen konnte.Kupferfarbener Draht wand sich in kleinen Bögen und Spiralen darum, hielt den Stein fest und machte aus ihm etwas, das einmal sehr kostbar ausgesehen haben musste.Quer durch das versteinerte Holz verlief ein deutlicher Riss.„Der ist wunderschön“, sagte Jennifer leise.Victoria beugte sich näher.„Der war wunderschön.“Anna sah zu ihr hoch.„Ist er doch immer noch.“Victoria lächelte.„Okay. Punkt für dich.“Jennifer musste grinsen.Anna richtete sich auf und betrachtete die Schatulle aus verschiedenen Richtungen.„Nehmen wir den?“„Unbedingt“, sagte Jennifer.Victoria nickte.„Aber dann machen wir es richtig.“Sie sah die beiden an.„Jede macht ihr Foto allein. Die anderen schauen nicht zu.“„Warum?“, fragte Jennifer.„Weil ich nicht wissen will, was ihr gemacht habt, bevor ich dran bin.“Anna nickte sofort.„Das finde ich gut.“„Und wer fängt an?“, fragte Jennifer.Victoria deutete mit einer eleganten Bewegung auf Anna.„Sie natürlich. Sie hat ihn gefunden.“„Sicher?“„Anna.“Victoria trat einen Schritt zurück und machte mit beiden Händen eine beinahe übertriebene einladende Geste.„Die Bühne gehört dir.“Anna lachte.„Es ist eine staubige Schatulle.“„Heute ist es deine Bühne.“Jennifer grinste und folgte Victoria zur Tür.„Wir warten draußen.“
Was sieht Anna?
Anna blieb allein zurück.Sie ging einmal um den Frisiertisch herum.Dann noch einmal.Sie sah auf die Schatulle.Auf den Anhänger.Auf die wenigen Dinge, die noch darin lagen.Sie hätte ihn herausnehmen können.Adrian hatte es ausdrücklich erlaubt.Sie hätte den Staub abwischen können.Die Kette anders legen.Die einzelnen Perlen zur Seite schieben.Anna tat nichts davon.Sie kniete sich hin.Veränderte ihren Winkel.Stand wieder auf.Ging näher heran.Dann fiel durch einen Spalt im alten Vorhang ein schmaler Lichtstreifen auf den Rand der Schatulle.Anna wartete.Noch ein kleines Stück.Jetzt.Klick.Sie sah auf das Display.Der Anhänger lag halb zwischen den Resten dessen, was einmal der Schmuck einer Frau gewesen sein musste.Der Staub war zu sehen.Das angelaufene Kupfer.Das alte Holz.Und der Riss.Vor allem der Riss.Anna lächelte.Klick.Noch ein zweites Foto.Dann ließ sie die Kamera sinken.„Fertig!“
Was sieht Jennifer?
Jennifer kam herein.„So schnell?“„Ich hab doch gefunden, was ich wollte.“„Zeigst du es mir?“Anna schüttelte den Kopf.„Victoria hat gesagt, wir gucken vorher nicht.“Jennifer zog eine Grimasse.„Stimmt.“„Keine Sorge“, sagte Anna. „Ist nur eine staubige Schatulle.“Jennifer lachte.„Raus mit dir.“Anna ging hinaus.Jennifer war allein.Sie betrachtete den Anhänger eine Weile.Anders als Anna nahm sie ihn schließlich vorsichtig in die Hand.Er war schwerer, als sie erwartet hatte.Mit einem Finger strich sie ganz leicht über das versteinerte Holz.Der Riss war deutlich zu spüren.Jennifer legte den Anhänger wieder zurück.Aber nicht so, wie er vorher gelegen hatte.Sie zog einen Teil der dunklen Kette vorsichtig aus dem Stoff hervor und legte sie in einem weichen Bogen um den Stein.Zwei der losen Perlen schob sie etwas zur Seite.Nicht viel.Nur genug, dass der Anhänger Platz bekam.Dann drehte sie die Schatulle ein wenig zum Fenster.Das Licht veränderte die Farbe des Steins.Plötzlich war er nicht mehr dunkelbraun.Honig.Kupfer.Ein Hauch von Gold.Jennifer hob die Kamera.Sie suchte keinen perfekten Winkel.Sie suchte das Gefühl, das sie eben gehabt hatte, als sie den Anhänger zum ersten Mal gesehen hatte.Alt.Vergessen.Aber nicht verloren.Klick.Jennifer betrachtete ihr Foto.Dann sah sie noch einmal auf den echten Anhänger.Sie lächelte.Das war er.So hatte sie ihn gesehen.
Als Jennifer wieder auf den Flur trat, wartete Victoria mit verschränkten Armen an der Wand.
„Na endlich.“„So lange war das gar nicht.“„Ich sterbe hier draußen vor Neugier.“Anna saß auf der Fensterbank und sah sich ihre eigenen Aufnahmen an.Victoria deutete auf Jennifers Kamera.„Zeigen.“„Nein.“Victoria riss gespielt die Augen auf.„Jennifer!“„Deine Regel.“Anna begann zu lachen.„Stimmt.“Victoria legte sich eine Hand auf die Brust.„Ihr benutzt meine eigenen Regeln gegen mich.“„Selbst schuld“, sagte Jennifer.Victoria schüttelte dramatisch den Kopf.„Ich habe schreckliche Menschen in meine Gruppe bekommen.“Anna sah auf.„Willst du eine andere?“Für den Bruchteil einer Sekunde war es still.Dann grinste Anna.Victoria starrte sie an.„War das gerade frech?“Anna hob unschuldig die Schultern.„Vielleicht.“Victoria lachte laut.„Oh, Anna. Langsam gefällst du mir.“Jennifer sah zwischen den beiden hin und her und musste ebenfalls lachen.
Was sieht Victoria?
Dann ging Victoria hinein.Sie schloss die Tür nicht ganz.Jennifer und Anna konnten sie zunächst noch vor dem Spiegel stehen sehen.„Nicht gucken!“, rief Victoria sofort.Jennifer zog Anna ein Stück weiter den Flur hinunter.„Sie nimmt das sehr ernst.“„Sie will gewinnen.“Jennifer sah Anna an.„Es gibt doch gar nichts zu gewinnen.“Anna grinste.„Sag ihr das.“Aus dem Zimmer kam Victorias Stimme.„Ich kann euch hören!“Beide lachten.
Victoria stand vor der Schatulle.Lange.Dann nahm sie den Anhänger heraus.Sie hielt ihn ins Licht.Drehte ihn.Betrachtete die Vorderseite.Die Rückseite.Und schließlich den Riss.Ihre Finger glitten über den kupferfarbenen Draht.Dann öffnete sie ihre Handtasche.Zwischen Lippenstift, Schlüssel und einem kleinen Parfümflakon fand sie ein weiches Tuch.Sie begann zu polieren.Vorsichtig zuerst.Dann gründlicher.Staub verschwand.Das Kupfer bekam seinen warmen Glanz zurück.Auch das versteinerte Holz wurde heller.Victoria hielt den Anhänger erneut zum Fenster.Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.„Da bist du ja.“Sie legte das Tuch weg.Der Riss war noch immer da.Natürlich war er das.Victoria drehte den Stein ein wenig.Im richtigen Winkel fiel das Licht so darüber, dass der Riss kaum noch auffiel.Sie betrachtete ihn.Dann sah sie zum großen Spiegel.
Jennifer und Anna hörten Schritte.Dann nichts mehr.Noch eine Minute.Zwei.„Was macht die da drin?“, flüsterte Jennifer.Anna zuckte mit den Schultern.„Vielleicht zieht sie ein.“Jennifer prustete los.„Anna!“„Was denn? Das Zimmer gefällt ihr.“In diesem Moment öffnete sich die Tür.Victoria stand darin.Der Anhänger hing um ihren Hals.Jennifer blinzelte.„Oh.“Victoria breitete die Arme aus.„Und?“Anna stand von der Fensterbank auf.„Du hast ihn sauber gemacht.“„Natürlich.“Victoria strich mit den Fingerspitzen über den Stein.„Schaut ihn euch doch an.“Jennifer trat näher.Es war derselbe Anhänger.Und irgendwie auch nicht.Das Kupfer glänzte. Im Licht waren plötzlich all die kleinen Windungen und Spiralen zu erkennen. Das Braun des versteinerten Holzes wirkte satt und warm.„Wow“, sagte Jennifer.Victoria lächelte zufrieden.„Genau.“Anna betrachtete den Anhänger.„Der Riss ist jetzt viel weniger zu sehen.“Victoria sah in den Spiegel.Sie drehte sich leicht zur Seite.„Wenn das Licht richtig fällt.“Anna sagte nichts.Victoria hob ihre Kamera.Im Spiegel sah Jennifer nun beides: Victoria selbst und ihr Spiegelbild. Das blonde Haar, das kräftige Grün ihres Oberteils, die Sonnenbrille in ihren Haaren – und genau in der Mitte den alten Anhänger.Victoria bewegte sich wenige Zentimeter.Zurück.Noch etwas zur Seite.Dann hob sie das Kinn.Klick.Sie sah auf das Display.Noch einmal.Ein anderer Winkel.Klick.Dann dieses strahlende Lächeln.„Oh, das ist gut.“„Dürfen wir jetzt endlich gucken?“, fragte Jennifer.Victoria überlegte.„Nein.“„Victoria!“„Wir zeigen sie zusammen.“Anna nickte.„Find ich besser.“„Verräterin“, sagte Jennifer.Anna streckte ihr die Zunge heraus.Diesmal lachte sogar Victoria so laut, dass ihre Stimme durch den verlassenen Flur hallte.
Bevor sie das Zimmer verließen, nahm Victoria den Anhänger ab.Sie wollte ihn gerade zurück in die Schatulle legen, als Anna sagte:„Warte.“Victoria hielt inne.Anna ging zu ihr.Gemeinsam legten sie die Kette wieder ungefähr so zurück, wie sie sie gefunden hatten.Jennifer schob die beiden losen Perlen wieder an ihren ursprünglichen Platz.Victoria sah auf das Tuch in ihrer Hand.„Den Staub kriegen wir allerdings nicht wieder drauf.“„Das wird das Haus schon erledigen“, sagte Anna.Victoria grinste.„Wahrscheinlich.“Dann schloss Anna die Schatulle nicht.Der Deckel war offen gewesen.Also blieb er offen.So, wie sie sie gefunden hatten.Nur der Anhänger darin glänzte nun ein wenig stärker als zuvor.
Drei Perspektiven
Später saßen alle Gruppen wieder in der großen Empfangshalle.Adrian hatte einen Laptop und einen Projektor aufgebaut.Nach und nach erschienen die Bilder der Teilnehmer an der alten Wand.Ein zerbrochener Stuhl.Eine Taschenuhr.Ein verrosteter Schlüssel.Eine Porzellanpuppe.Drei Fotografien von jedem Gegenstand.Manchmal ähnelten sie sich.Manchmal kaum.Dann rief Adrian:„Anna, Jennifer und Victoria.“Die drei gingen nach vorn.„Was habt ihr gefunden?“Anna antwortete.„Einen Anhänger.“Adrian öffnete ihre Dateien.„Dann schauen wir mal.“Das erste Foto erschien.Annas.In der alten Schatulle lag der Anhänger zwischen den wenigen zurückgelassenen Schmuckstücken. Staub bedeckte das Holz. Das Kupfer war dunkel.Und mitten durch den Stein verlief der Riss.Im großen Bild an der Wand wirkte er noch deutlicher.Niemand sagte etwas.Dann Adrian:„Interessant.“Anna sah zu ihm.„Warum?“„Weil du nichts versteckt hast.“Anna lächelte.„Es war ja da.“Adrian nickte nur.Dann erschien Jennifers Foto.Ein leises Murmeln ging durch die Gruppe.Der Anhänger lag noch immer in der Schatulle.Aber das Licht war wärmer. Die Kette bildete einen weichen Bogen. Das versteinerte Holz zeigte plötzlich all seine Farben.Der Riss war sichtbar.Aber er war nicht das Erste, was man sah.„Sehr schön“, sagte Adrian.Jennifer spürte, wie sie rot wurde.„Du hast etwas verändert.“„Ein bisschen.“„Warum?“Jennifer sah auf ihr Bild.„Ich wollte, dass man ihn so sieht, wie ich ihn gesehen habe.“Adrian lächelte.„Genau dafür seid ihr heute hier.“Dann kam Victorias Foto.Und diesmal ging ein richtiges Raunen durch die Halle.„Wow.“Jemand pfiff leise.Victoria lachte.Auf der Wand sah man den großen goldenen Spiegel.Victoria stand davor, leicht seitlich, perfekt vom Fensterlicht getroffen. In ihren Haaren die auffällige Sonnenbrille. Um ihren Hals der Anhänger.Im Spiegel war er ein zweites Mal zu sehen.Das Kupfer leuchtete.Das versteinerte Holz glänzte.Und der Riss?Er war da.Wenn man wusste, wo man suchen musste.Aber niemand suchte danach.„Victoria“, sagte Adrian nach einer Weile, „das ist technisch verdammt gut.“Victoria strahlte.„Danke.“„Licht, Bildaufbau, Spiegelung. Sogar die Linie des Rahmens führt zum Anhänger.“Er trat näher an die Projektion.„Du hast genau gewusst, was wir ansehen sollen.“Victoria nickte.„Ja.“Adrian sah noch einmal auf die drei Bilder.
Dann zog er sie auf dem Bildschirm nebeneinander.Annas.Jennifers.Victorias.Jetzt wurde es still.Derselbe Anhänger.Dieselbe Schatulle.Dasselbe Zimmer.Derselbe Nachmittag.Und doch hätten die drei Bilder kaum unterschiedlicher sein können.Adrian trat einen Schritt zurück.„Das“, sagte er, „ist der Grund, warum ich euch diese Aufgabe gegeben habe.“Er zeigte auf Annas Aufnahme.„Nichts daran ist erfunden.“Dann auf Jennifers.„Auch hier nicht.“Schließlich auf Victorias.„Und auch das ist wahr.“Er ließ die Hand sinken.„Aber Wahrheit und Vollständigkeit sind nicht dasselbe.“Jennifer sah zur Wand.Drei Bilder.Drei Perspektiven.Sie fand Victorias Aufnahme am beeindruckendsten.Annas irgendwie berührend.Und ihre eigene mochte sie einfach.Adrian sprach bereits weiter, doch Jennifer betrachtete noch einen Moment die drei Fotografien.Damals ahnte sie nicht, dass sie sich Jahre später vielleicht nicht mehr an jeden Raum dieses Herrenhauses erinnern würde.Nicht an jeden Namen aus der Gruppe.Nicht einmal an alle Bilder dieses Tages.Aber an diese drei Fotografien würde sie sich erinnern.Denn irgendwann würde Jennifer verstehen, dass man nichts erfinden musste, um eine Geschichte zu verändern.Manchmal genügte es,den Ausschnitt zu bestimmen.
Die Herrenhaus-Mädels
Als Jennifer an diesem Abend zu Hause ihre Speicherkarte in den Laptop schob, wollte sie eigentlich nur kurz durch die Bilder sehen.Aus dem „kurz“ wurden fast zwei Stunden.Sie blieb an dem Lichtstrahl über dem Treppengeländer hängen.An der kleinen Pflanze zwischen den Dielen.An der alten Türklinke, die Anna entdeckt hatte.Und natürlich an dem Anhänger.Jennifer vergrößerte ihr Foto.Der Riss war deutlich zu erkennen.Sie mochte ihn.Nicht, weil er schön war.Sondern weil er zu dem Anhänger gehörte.Ihr Handy vibrierte.Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.Victoria:
Ich hoffe, du bist gut nach Hause gekommen. 😊
Noch bevor Jennifer antworten konnte, erschien die nächste Nachricht.
Und jetzt musst du mir ENDLICH dein Foto schicken! Ich halte diese Ungewissheit nicht länger aus.
Jennifer lachte.Sie schickte die Aufnahme.Die Antwort kam beinahe sofort.
JENNIFER!!!
Dann:
Das Licht! Wie hast du DAS denn gesehen?
Jennifer musste wieder lächeln.
Du übertreibst.Überhaupt nicht. Das ist richtig schön. Du hast ein unglaubliches Gefühl für Stimmung.
Jennifer las den Satz zweimal.Es war nicht so, dass sie noch nie ein Kompliment für eines ihrer Bilder bekommen hätte.Aber Victoria konnte einem das Gefühl geben, etwas Besonderes entdeckt zu haben, das man selbst noch gar nicht an sich kannte.Dann erschien eine weitere Nachricht.
Anna müssen wir auch noch in unsere Gruppe holen. Ich will unbedingt ihr Foto haben.
Jennifer tippte:
Ja! Unbedingt.
Wenige Minuten später existierte eine neue Gruppe."Die Herrenhaus-Mädels"Victoria hatte den Namen ausgesucht.Und als Gruppenbild nahm sie nicht etwa ihr eigenes Foto.Sie nahm ein Bild, das einer der anderen Teilnehmer am Nachmittag von ihnen gemacht hatte.Anna in ihrem rostfarbenen Pullover.Jennifer in der Mitte.Victoria im leuchtenden Grün.Alle drei lachend auf der großen Treppe des Herrenhauses.
In den folgenden Tagen wurde aus der kleinen Gruppe überraschend schnell mehr als nur ein Ort zum Austauschen von Fotos.Victoria schickte morgens ein Bild von ihrem Kaffee.Anna fotografierte eine Schnecke auf einem nassen Gehweg.Jennifer schickte abends den Himmel über den Dächern.Sie kommentierten die Bilder der anderen.Sie schickten sich Sprachnachrichten.Sie lachten.Und Victoria war meistens diejenige, die dafür sorgte, dass das Gespräch nicht einschlief.
Wir müssen wieder fotografieren gehen.
Unbedingt,
schrieb Jennifer.
Anna antwortete erst eine Stunde später.
Bin dabei.
Victoria schickte sofort:
Anna! Eine Stunde! Wir dachten schon, du willst nichts mehr mit uns zu tun haben. 😂
Anna:
Manche Menschen arbeiten. 😂
Victoria:
Unverschämtheit.
Jennifer saß auf ihrem Sofa und grinste über das Handy.
Es war leicht mit den beiden.
Vielleicht gerade deshalb, weil sie so unterschiedlich waren.
Stadtblicke
Ihr zweiter gemeinsamer Fototag führte sie nicht in ein Herrenhaus.Nur in die Stadt.Sie hatten kein Programm und keine Aufgabe.Sie liefen mit ihren Kameras durch kleine Straßen, tranken Kaffee und fotografierten alles, was ihnen auffiel.Und wieder zeigte sich, wie verschieden ihre Blicke waren.Anna blieb vor einem alten Fahrrad stehen, dessen Korb vollkommen verrostet war und in dem jemand einen kleinen Topf mit gelben Blumen befestigt hatte.Jennifer fotografierte ein älteres Paar, das Hand in Hand an einem Schaufenster vorbeiging – natürlich erst, nachdem sie gefragt hatte.Victoria entdeckte eine moderne Glasfassade und stellte Jennifer davor.„Nicht bewegen.“„Warum?“„Weil du da gerade perfekt stehst.“„Victoria, ich sehe furchtbar aus.“„Jennifer.“Victoria nahm die Kamera herunter und sah sie ernst an.„Sag so etwas nicht über mein Model.“Jennifer lachte.„Ich bin kein Model.“„Für die nächsten dreißig Sekunden schon.“Sie hob die Kamera wieder.„Schau nicht zu mir. Schau nach links.“Klick.„Jetzt zu mir.“Klick.Victoria betrachtete das Display.Dann strahlte sie.„Ich wusste es!“Sie hielt Jennifer die Kamera hin.Jennifer verstummte.Sie mochte Fotos von sich selbst normalerweise nicht besonders.Dieses schon.„Das bin ja wirklich ich.“Victoria sah sie an, als wäre die Bemerkung völlig absurd.„Natürlich bist du das.“Dann fügte sie hinzu:„Du solltest dich wirklich öfter so sehen, wie andere dich sehen.“Jennifer sah noch einmal auf das Foto.Es war eine dieser Bemerkungen, die Victoria manchmal machte.Groß.Warm.Und irgendwie blieben sie hängen.
Im Café
Später saßen sie zu dritt in einem kleinen Café.Anna hatte ihre Kamera neben sich auf die Bank gelegt und kämpfte mit einem viel zu großen Stück Kuchen.„Du weißt schon, dass man den auch mit einer Gabel essen kann?“, fragte Victoria.Anna sah auf ihre klebrigen Finger.„Jetzt ist es zu spät.“Jennifer lachte.Victoria griff nach einer Serviette und reichte sie ihr.„Du bist unmöglich.“„Aber glücklich.“„Das sehe ich.“Victoria schüttelte lachend den Kopf.Es war ein schöner Nachmittag.Ein wirklich schöner.Und genau deshalb bemerkte Jennifer den ersten kleinen Moment nicht.Nicht wirklich.Anna stand irgendwann auf.„Ich geh mal kurz.“Kaum war sie außer Hörweite, beugte Victoria sich etwas zu Jennifer.„Ich glaube, sie mag mich nicht.“Jennifer sah überrascht auf.„Anna?“Victoria nickte in Richtung der Tür.„Ja.“„Wie kommst du denn darauf?“Victoria zuckte mit den Schultern.„Keine Ahnung. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.“Jennifer musste an Annas herausgestreckte Zunge im Herrenhaus denken. An ihr gemeinsames Lachen. An Victorias „Du bist unmöglich“ von gerade eben.„Das glaube ich nicht“, sagte sie. „Ich glaube, Anna mag dich.“Victoria lächelte.„Dann ist ja gut.“Und damit war das Thema beendet.Kein Gerücht.Keine Anschuldigung.Keine Warnung.Nur ein winziger Gedanke, den Victoria auf den Tisch gelegt hatte.Als Anna zurückkam, rückte Victoria sofort zur Seite.„Da bist du ja. Ich habe dir gerade die letzte Erdbeere gerettet.“„Du bist ein Schatz.“„Ich weiß.“Anna nahm die Erdbeere.Jennifer lächelte.Alles war wie vorher.Und trotzdem war da nun etwas, das vorher nicht da gewesen war.Ein Gedanke.- Vielleicht mag Anna Victoria nicht.Jennifer wusste nicht, dass sie ihn noch mit nach Hause nehmen würde.
Leise Veränderungen
Der Gedanke blieb tatsächlich länger bei Jennifer, als er sollte.Ich glaube, sie mag mich nicht.Eigentlich hatte Victoria ihn längst wieder fallen gelassen.Jennifer nicht.Am nächsten Morgen dachte sie beim Zähneputzen plötzlich daran.Nicht lange.Nur für einen Moment.Sie erinnerte sich an Anna im Café.Hatte sie Victoria gegenüber tatsächlich ein bisschen anders gewirkt?Nein.Eigentlich nicht.Jennifer schüttelte über sich selbst den Kopf.„Quatsch.“Damit war es erledigt.Zumindest glaubte sie das.
In den nächsten Wochen trafen sich die drei immer wieder.Nicht regelmäßig.Nicht geplant.Manchmal schrieb Victoria am Freitagabend:
Hat morgen jemand Lust, einfach loszufahren? Kamera, Kaffee, keine vernünftigen Menschen?
Jennifer antwortete meistens zuerst.Anna manchmal erst Stunden später.Und fast jedes Mal entstand aus einer spontanen Nachricht ein ganzer Tag.Sie fotografierten einen alten Bahnhof, liefen an einem nebligen Morgen durch einen Park und verbrachten einen Nachmittag an einem kleinen See, an dem Victoria fast ihre Kamera ins Wasser fallen ließ, weil sie unbedingt von einem wackeligen Steg aus fotografieren wollte.Anna hatte sie im letzten Moment am Rucksack festgehalten.„Bist du wahnsinnig?“, hatte Victoria gerufen.„Du wolltest doch das Foto.“„Aber nicht meinen Tod!“„Stand nicht in der Aufgabenbeschreibung.“Jennifer hatte so sehr gelacht, dass sie ihre Kamera absetzen musste.Später hatte Victoria Anna einen Kaffee ausgegeben.„Für die Rettung meines Lebens.“„Der Kamera“, hatte Anna korrigiert.„Stimmt. Die wäre teurer gewesen.“Anna hatte ihr wieder die Zunge herausgestreckt.So waren sie.Zumindest für Jennifer.
Mit Victoria entstand allerdings noch etwas anderes.Sie schrieb Jennifer auch außerhalb ihrer kleinen Gruppe.Zuerst ging es um Fotografie.
Welche Version findest du besser?Kannst du mal über das Bild schauen? Irgendwas stört mich.Welches Objektiv würdest du mitnehmen?
Jennifer freute sich darüber.Victoria war eine hervorragende Fotografin.Dass ausgerechnet sie Jennifers Meinung wissen wollte, fühlte sich gut an.Irgendwann wurden die Nachrichten persönlicher.
Bist du noch wach?Heute war ein richtig beschissener Tag.
Oder:
Ich muss dir etwas erzählen, aber du darfst nicht lachen.
Jennifer hörte zu.Das konnte sie gut.Und Victoria konnte erzählen.Sie erzählte von Menschen, die sie enttäuscht hatten.Von einer früheren Freundin, die ihr Vertrauen missbraucht hatte.Von jemandem aus einer Fotogruppe, der ihre Ideen übernommen und später als eigene ausgegeben hatte.Dabei sprach sie selten wütend.Eher traurig.Manchmal sogar verständnisvoll.
Vielleicht hat sie es gar nicht so gemeint.
Oder:
Ich möchte auch nicht unfair sein. Ich kenne ja nur meine Seite.
Gerade das gefiel Jennifer an ihr.Victoria schien nie vorschnell über jemanden urteilen zu wollen.
Eines Abends telefonierten sie fast zwei Stunden.Sie hatten längst aufgehört, über Fotografie zu sprechen.Victoria erzählte gerade eine Geschichte über eine ehemalige Freundin, als sie plötzlich sagte:„Weißt du eigentlich, was ich an dir mag?“Jennifer lachte.„Das klingt gefährlich.“„Nein, ernsthaft.“Victoria schwieg einen Moment.„Du bist so herzlich.“Jennifer sagte nichts.„Wirklich. Bei dir hat man nie das Gefühl, dass du darauf wartest, selbst wieder reden zu können. Du hörst tatsächlich zu.“„Das ist doch normal.“„Nein.“Victoria sagte es so entschieden, dass Jennifer lachen musste.„Ist es nicht. Glaub mir.“Dann wurde ihre Stimme leiser.„Bei dir kann ich irgendwie ich selbst sein.“Jennifer spürte diese angenehme Wärme, die ein ehrliches Kompliment hinterlassen konnte.„Das kannst du auch.“„Ich weiß.“Eine kleine Pause.„Deshalb erzähle ich dir wahrscheinlich auch Sachen, die ich sonst niemandem erzähle.“Jennifer lächelte.Sie empfand es als Vertrauen.Und das war es vermutlich auch.Zumindest zum Teil.
Anna blieb währenddessen Anna.Sie schrieb selten lange Nachrichten.Dafür schickte sie Fotos.Eine Pfütze, in der sich ein Kirchturm spiegelte.Einen Handschuh, den jemand auf einen Zaunpfahl gesteckt hatte.Einen Marienkäfer auf ihrem Autospiegel.Einmal schickte sie ein Foto von einem vollkommen zerdrückten Schokoriegel.Darunter:
Mein Mittagessen hat den Rucksack nicht überlebt.
Jennifer antwortete mit drei lachenden Smileys.Victoria schrieb:
Anna. Bitte. Ich versuche gerade, dich für eine ernstzunehmende Künstlerin zu halten.
Anna:
Gib auf.
Jennifer liebte diese kleinen Unterhaltungen.
Oder?
Ein paar Tage später trafen Jennifer und Victoria sich allein.Anna hatte keine Zeit.Sie saßen in einem Café und bearbeiteten gemeinsam Bilder.Victoria schob ihren Laptop zu Jennifer.„Schau mal.“Es war ein Porträt einer jungen Frau.Jennifer betrachtete es.„Wunderschön.“„Findest du?“„Ja. Nur hier würde ich vielleicht ein bisschen weniger bearbeiten.“Victoria sah sie an.„Wo?“Jennifer zeigte auf das Gesicht.„Da. Die Haut. Ich finde, sie braucht gar nicht so glatt zu sein.“Victoria betrachtete das Bild.Dann nickte sie.„Du hast recht.“Sie machte einige Schritte rückgängig.„Besser?“„Viel.“Victoria lächelte.„Deshalb frage ich dich.“Jennifer nahm einen Schluck Kaffee.Victoria arbeitete weiter.Eine ganze Weile sagte keine von beiden etwas.Dann, ganz beiläufig:„Anna war übrigens ein bisschen komisch, als ich ihr erzählt habe, dass wir uns heute treffen.“Jennifer sah auf.„Wieso?“Victoria blickte weiterhin auf ihren Bildschirm.„Ach, nichts.“„Was hat sie denn gesagt?“„Nichts Besonderes.“Victoria klickte auf ein anderes Werkzeug.„Vergiss es.“Jennifer wartete.Victoria sagte nichts mehr.Natürlich machte genau das Jennifer neugierig.„Jetzt sag schon.“Victoria seufzte.„Ich möchte da wirklich nichts hineininterpretieren.“„Victoria.“Jetzt sah sie Jennifer an.„Sie hat nur gefragt, warum ihr nicht Bescheid gesagt wurde.“Jennifer runzelte die Stirn.„Aber wir wollten doch nur deine Bilder bearbeiten.“„Eben.“Victoria zuckte mit den Schultern.„Vielleicht habe ich ihre Nachricht auch einfach falsch verstanden.“„Wie hat sie es denn geschrieben?“Victoria griff nach ihrem Handy.„Warte.“Sie suchte.Dann hielt sie Jennifer das Display hin.Annas Nachricht lautete:„Ach, ihr trefft euch heute? Hättet ja mal was sagen können 😂 Viel Spaß euch.“Jennifer las sie.Einmal.Noch einmal.„Ich glaube, das war nur Spaß.“„Kann sein.“Victoria nahm das Handy zurück.Kein Widerspruch.Keine Diskussion.„Du kennst sie inzwischen wahrscheinlich genauso gut wie ich.“Und schon wandte sie sich wieder dem Laptop zu.Jennifer ebenfalls.Doch einige Minuten später dachte sie wieder an die Nachricht.- „Hättet ja mal was sagen können.“Der lachende Smiley war doch eindeutig gewesen.Oder?
Nur einen Ausschnitt
Beim nächsten gemeinsamen Treffen war Anna wie immer.Sie begrüßte Victoria mit einer Umarmung.Fragte nach den bearbeiteten Bildern.Bewunderte eines davon.„Das ist richtig gut geworden.“„Jennifer hat mir geholfen“, sagte Victoria.„Natürlich.“Anna grinste Jennifer an.„Streberin.“Jennifer stupste sie an.„Neidisch?“„Extrem.“Alles war normal.Und trotzdem bemerkte Jennifer plötzlich Dinge.Als Victoria einen Vorschlag für die nächste Fototour machte, sagte Anna:„Da würde ich lieber woanders hin.“Früher hätte Jennifer darin einfach eine andere Meinung gehört.Jetzt dachte sie:Ist sie gerade wieder gegen Victoria?Als Anna später eine Weile still war, fragte Jennifer sich:Ist sie beleidigt?Als Anna eine Nachricht auf ihrem Handy las und dabei das Gesicht verzog:
Hat das etwas mit uns zu tun?Nichts davon hatte Victoria gesagt.Das musste sie gar nicht.Der erste Gedanke war bereits da.Und plötzlich fand Jennifer selbst die Bilder dazu.
Einige Tage später hatten die drei sich für einen gemeinsamen Besuch auf einem Fotomarkt verabredet.Am Morgen schrieb Anna:
Tut mir leid, ich schaffe es heute nicht. Hab kaum geschlafen und bin völlig durch. Fahrt ohne mich. ❤️
Jennifer antwortete sofort:
Alles gut. Ruh dich aus.
Victoria schrieb:
Mach das. Wir denken an dich.
Keine zehn Minuten später bekam Jennifer eine private Nachricht von Victoria.
Ich hoffe wirklich, dass bei ihr alles okay ist.
Jennifer:
Bestimmt nur müde.
Eine Weile kam nichts.Dann:
Ja. Wahrscheinlich.
Jennifer legte das Handy weg.Es vibrierte erneut.
Ich mache mir nur manchmal ein bisschen Sorgen um sie.
Jennifer nahm es wieder in die Hand.
Warum?
Die drei kleinen Punkte erschienen.Verschwanden.Erschienen wieder.Dann kam:
Ach, vergiss es.
Jennifer starrte auf die Nachricht.
Jetzt kannst du nicht einfach „vergiss es“ schreiben 😂
Victoria antwortete nicht sofort.Als die Nachricht schließlich kam, war kein lachender Smiley dabei.
Ich hätte dir das wahrscheinlich gar nicht erzählen sollen, aber …
Jennifer setzte sich etwas gerader hin.Noch eine Nachricht.
Versprich mir bitte zuerst, dass du das nicht weitererzählst.
Jennifer tippte:
Natürlich.
Victoria:
Vor allem nicht Anna gegenüber. Sie hat es ohnehin schon schwer genug.
Jennifer sah auf diese Worte.Sie fühlten sich nicht wie Klatsch an.Sie fühlten sich an wie Sorge.Wie Vertrauen.Wie etwas, das Victoria eigentlich lieber für sich behalten hätte.Dann kam die nächste Nachricht.
Ich habe einfach manchmal das Gefühl, dass bei Anna viel mehr los ist, als sie uns erzählt.
Jennifer runzelte die Stirn.
Was meinst du?
Die Antwort ließ auf sich warten.
Bitte sprich sie aber nicht darauf an. Ich möchte wirklich keinen Ärger zwischen euch verursachen.
Jennifer tippte:
Victoria, was ist denn passiert?
Wieder erschienen die drei Punkte.Diesmal sehr lange.Schließlich:
Vielleicht sollte ich wirklich nichts sagen.
Jennifer wartete.Und genau in diesem Augenblick hatte sich etwas verändert.Victoria musste Jennifer nicht mehr dazu bringen, zuzuhören.Jennifer wollte es jetzt wissen.Sie schrieb selbst:
Jetzt erzähl.
Und Victoria erzählte.Nicht alles.Nur einen Ausschnitt.
Jetzt erzähl.
Jennifer sah die beiden Worte noch einen Moment auf ihrem Display.Dann erschienen wieder die drei kleinen Punkte.
Es ist wirklich nichts Dramatisches.
Noch eine Nachricht.
Und bitte versteh mich nicht falsch. Ich mag Anna wirklich.
Jennifer wartete.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie sehr schnell etwas persönlich nimmt.
Jennifer runzelte die Stirn.Das passte nicht so recht zu der Anna, die sie kannte.
Wie meinst du das?
Victoria antwortete:
Erinnerst du dich an unseren Tag in der Stadt? Als wir in dem Café waren?
Ja.Ich hatte doch diesen Scherz gemacht, dass man Kuchen auch mit einer Gabel essen kann.
Natürlich erinnerte Jennifer sich.Der riesige Kuchen. Annas klebrige Finger. Victoria, die ihr eine Serviette gereicht hatte.Jennifer musste sogar ein bisschen lächeln, als sie daran dachte.
Ja 😂Genau. Und danach war sie plötzlich so still.
Jennifer hielt inne.War sie das gewesen?Sie versuchte, sich zu erinnern.
Ist mir gar nicht aufgefallen.
Die Antwort kam sofort.
Eben. Deshalb wollte ich auch nichts sagen.
Jennifer verstand den Zusammenhang nicht ganz.
Wieso deshalb?Weil ich nicht möchte, dass du jetzt anfängst, auf so etwas zu achten. Vielleicht bin ich einfach empfindlicher dafür.
Jennifer las den Satz zweimal.Dann kam noch einer.
Ich kenne solche Situationen leider aus meiner Vergangenheit.
Das wusste Jennifer.Victoria hatte ihr davon erzählt.Von Menschen, bei denen aus kleinen Bemerkungen irgendwann große Konflikte geworden waren.
Hat Anna denn etwas zu dir gesagt?
Diesmal dauerte die Antwort länger.
Später.
Jennifer wartete.
Was?
Dass ich manchmal ziemlich bestimmend sein kann.
Jennifer zog die Augenbrauen zusammen.
Wegen der Gabel?Nein, nein. Nicht direkt deswegen. Wir haben später kurz über den Tag gesprochen.
Dann:
Vielleicht habe ich das auch einfach falsch verstanden. Aber ich fand ihre Reaktion schon ziemlich heftig.
Jennifer saß auf ihrem Sofa und versuchte, die beiden Dinge zusammenzubringen.Den Scherz im Café.Und Anna, die Victoria später als bestimmend bezeichnet haben sollte.Irgendwie passte es nicht.Aber vielleicht hatte Jennifer einfach etwas nicht mitbekommen.Victoria schickte noch eine Nachricht.
Bitte mach daraus jetzt nichts. Genau deshalb wollte ich es dir eigentlich gar nicht erzählen.
Jennifer tippte:
Mach ich nicht.Versprochen?Versprochen.
Victoria antwortete mit einem Herz.Dann:
Danke. Ich wusste, dass ich dir vertrauen kann.
So war sie eben
Am nächsten Morgen schrieb Anna in ihre gemeinsame Gruppe.
Habt ihr auf dem Fotomarkt was Schönes gefunden?
Jennifer antwortete:
Ich habe tatsächlich ein gebrauchtes Objektiv gekauft 😍
Anna:
NEIN! Welches???
Noch bevor Jennifer antworten konnte, klingelte ihr Handy.Anna.Jennifer nahm ab.„Zeig!“„Hallo wäre auch eine Möglichkeit.“„Hallo. Jetzt zeig.“Jennifer lachte und schaltete die Kamera ein.Die nächsten zehn Minuten wollte Anna alles wissen.Preis.Brennweite.Zustand.Ob Jennifer es schon ausprobiert hatte.„Warte“, sagte Jennifer irgendwann. „Ich schicke dir ein Bild damit.“Sie legten auf.Jennifer machte ein schnelles Foto am Fenster und schickte es.Anna antwortete:
Das ist so schön!!! Das passt total zu dir.
Jennifer lächelte.Das war Anna.Begeistert.Direkt.Herzlich auf ihre etwas andere Art.Und Jennifer dachte für einen kurzen Moment:Victoria hat das bestimmt wirklich nur falsch verstanden.Damit war es für sie erledigt.
Siehst du?
Eine Woche später trafen sie sich wieder zu dritt.Diesmal wollten sie an einem alten Güterbahnhof fotografieren.Anna war zuerst da.Als Jennifer aus dem Auto stieg, kam sie ihr bereits entgegen.„Gib her.“„Was?“„Das Objektiv!“Jennifer lachte.„Du bist schlimmer als ich.“„Natürlich.“Anna nahm die Kamera vorsichtig entgegen und sah sich das Objektiv an.„Oh, das ist wirklich schön.“Dann kam Victoria.„Guten Morgen, ihr zwei!“Sie umarmte Jennifer.Dann Anna.„Na? Wieder fit?“„Ja.“„Gut.“Victoria lächelte.„Ich hab mir schon Sorgen gemacht.“Anna sah sie kurz an.„Wieso?“„Weil du letztes Mal so plötzlich abgesagt hast.“„Ich war müde.“„Das weiß ich doch.“Victoria legte ihr kurz die Hand auf den Arm.„Ich wollte nur wissen, ob alles okay ist.“„Alles gut.“Anna lächelte.Und damit war die Sache für sie offenbar erledigt.Jennifer bemerkte allerdings etwas anderes.Anna hatte auf Victorias Frage „Wieso?“ gesagt.Nur ein Wort.Völlig normal.Trotzdem hörte Jennifer plötzlich etwas darin.Eine kleine Schärfe.Oder bildete sie sich das ein?
Sie gingen los.Nach einer Weile kamen sie an einem alten Güterschuppen vorbei.Die Sonne stand ungünstig.Victoria blieb stehen.„In einer Stunde ist das Licht hier perfekt.“Anna sah zum Himmel.„Dann können wir doch erst hinten an den Gleisen fotografieren und später zurückkommen.“„Ich würde lieber hierbleiben“, sagte Victoria.„Eine Stunde?“„Wir können doch in der Umgebung schauen.“Anna schüttelte den Kopf.„Ich finde, dafür verschwenden wir gerade ziemlich viel Zeit.“Victoria sagte nichts.Nur:„Okay.“Sie lächelte.„Dann gehen wir zu den Gleisen.“Und sie gingen.Kein Streit.Keine schlechte Stimmung.Nichts.
Später war Anna ein Stück voraus.Victoria und Jennifer liefen nebeneinander.Victoria sagte leise:„Siehst du?“Jennifer sah sie an.„Was?“Victoria schüttelte sofort den Kopf.„Nichts.“„Victoria.“„Nein. Wirklich.“Jennifer blieb stehen.„Was sollte ich sehen?“Victoria seufzte.„Ich hätte nichts sagen sollen.“„Jetzt sag.“Victoria blickte nach vorn zu Anna.„Genau das meinte ich neulich.“„Was?“„Sobald etwas nicht so läuft, wie sie es möchte, wird sie sofort so.“Jennifer dachte an die Situation zurück.„Aber sie hat doch nur gesagt, dass sie nicht eine Stunde warten möchte.“„Natürlich.“Victoria nickte sofort.„Und vielleicht hast du vollkommen recht.“Das brachte Jennifer aus dem Takt.Sie hatte mit Widerspruch gerechnet.Victoria lächelte sogar.„Siehst du? Genau deshalb mag ich dich. Du siehst immer zuerst das Gute in Menschen.“Jennifer wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte.Es klang wie ein Kompliment.Also lächelte sie.Victoria hakte sich kurz bei ihr unter.„Komm. Sonst verlieren wir unsere kleine Entdeckerin.“Und damit war das Gespräch vorbei.
Die Erinnerung daran
Aber am Abend war es wieder da.Jennifer saß vor ihrem Laptop und sortierte die Bilder des Tages.Zwischen zwei Aufnahmen sah sie Anna vor sich.- Ich finde, dafür verschwenden wir gerade ziemlich viel Zeit.Jennifer erinnerte sich an ihren Tonfall.War er wirklich scharf gewesen?Ein bisschen vielleicht.Sie dachte an das Café.An die Nachricht:- Hättet ja mal was sagen können.An Victorias Satz:- Ich glaube, sie mag mich nicht.Drei kleine Situationen.Keine davon bedeutete besonders viel.Aber zusammen?Jennifer lehnte sich zurück.Dann ärgerte sie sich über sich selbst.Mach dir selbst ein Bild.Genau das würde sie tun.
Einige Tage später saßen die drei wieder zusammen.Victoria erzählte irgendeine völlig übertriebene Geschichte, Anna lachte und Jennifer hörte nur halb zu.Dann sagte Victoria etwas Neckisches zu Anna.Jennifer wusste später nicht einmal mehr genau, was es gewesen war.Anna antwortete trocken:„Pass auf, sonst strecke ich dir gleich wieder die Zunge raus.“Victoria lachte.„Du bist so kindisch.“„Und du magst es.“„Leider.“Anna streckte ihr tatsächlich die Zunge heraus.Genau wie damals im Herrenhaus.Jennifer sah die beiden an.Und plötzlich war die Erinnerung wieder da.Victoria auf dem Flur:- Und plötzlich kann sie schnell.Anna hatte sich umgedreht.Die Zunge herausgestreckt.Alle hatten gelacht.Jennifer lächelte.Anna konnte sehr wohl über sich selbst lachen.Der Gedanke war klar.Deutlich.Ihr eigener.Doch gleich darauf kam ein anderer:- Vielleicht ist sie nur manchmal empfindlich.Jennifer bemerkte nicht, dass dieser zweite Gedanke nicht bei ihr begonnen hatte.
Und so vergingen Wochen.Victoria erzählte nicht ständig etwas über Anna.Das wäre Jennifer aufgefallen.Im Gegenteil.Sie lobte sie.„Anna hat ein unglaubliches Auge für Details.“Sie verteidigte sie sogar einmal, als jemand ein Foto von ihr kritisierte.„Das ist eben Annas Stil. Man muss nicht alles glatt und perfekt fotografieren.“Sie brachte ihr einen Kaffee mit.Sie schickte ihr einen Link zu einem Objektiv, das Anna suchte.Sie konnte unglaublich aufmerksam sein.Und gerade deshalb fühlten sich die anderen Momente nicht wie das an, was sie waren.
Aber ich war dabei
Bis zu jenem Abend.Anna war nicht dabei.Jennifer und Victoria saßen nach einem Treffen der Fotogruppe noch im Auto. Es regnete, und sie warteten darauf, dass es etwas weniger wurde.Victoria war ungewöhnlich still.„Was ist?“, fragte Jennifer.„Nichts.“Jennifer sah sie an.„Das glaube ich dir nicht.“Victoria lächelte schwach.„Du kennst mich zu gut.“„Also?“Victoria sah durch die regennasse Windschutzscheibe.„Es geht um Anna.“Jennifer spürte sofort eine kleine Anspannung.„Was ist mit ihr?“„Ach …“Victoria schüttelte den Kopf.„Ich möchte wirklich nichts Schlechtes über Anna sagen.“Jennifer wartete.Victoria schwieg lange.Dann:„Versprich mir bitte, dass du das nicht weitererzählst. Anna hat es ohnehin schon schwer genug.“Jennifer nickte.„Natürlich.“Victoria drehte sich zu ihr.„Und bitte sprich sie nicht darauf an. Ich möchte wirklich keinen Ärger zwischen euch verursachen.“„Mach ich nicht.“Victoria atmete aus.„Okay.“Dann erzählte sie Jennifer etwas, das Anna bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen getan hatte.Jennifer hörte zu.Je länger Victoria erzählte, desto unangenehmer wurde ihr.Denn diesmal ging es nicht nur um einen Tonfall.Es ging um etwas, bei dem Jennifer dachte:Das ist nicht in Ordnung.Victoria beendete ihre Erzählung mit:„Vielleicht sehe ich das auch zu eng.“Jennifer schüttelte langsam den Kopf.„Nein.“Victoria sah sie an.„Findest du?“„Wenn das wirklich so war … nein.“Victoria legte eine Hand auf Jennifers Arm.„Danke.“„Wofür?“„Dass du mir glaubst.“Jennifer sah wieder hinaus in den Regen.Sie glaubte ihr.Warum sollte sie auch nicht?Victoria hatte ihr schließlich keinen Grund gegeben, es nicht zu tun.Und Jennifer erinnerte sich an den Abend.An Anna.An die Situation.An einzelne Sätze.Es klang alles vertraut.Es passte.Nur eine Kleinigkeit störte sie.Etwas, das sie noch nicht greifen konnte.Ein Gefühl.Ganz leise.Fast wie eine Stimme irgendwo weit hinten in ihr.Aber ich war dabei.
Aber ich war dabei.Der Gedanke war so plötzlich da, dass Jennifer für einen Moment gar nicht mehr richtig zuhörte.Victoria sprach weiter.„… und danach hat sie einfach ihre Kamera genommen und ist gegangen. Ohne noch irgendetwas zu sagen.“Jennifer sah durch die Windschutzscheibe.Der Regen zog kleine, unregelmäßige Linien über das Glas.Ja.Anna war gegangen.Daran erinnerte sie sich.Und sie hatte ihre Kamera ziemlich abrupt genommen.Auch daran erinnerte Jennifer sich.Victoria erzählte nichts, was Jennifer vollkommen fremd vorkam.Und trotzdem …„Was ist?“, fragte Victoria.Jennifer drehte sich zu ihr.„Nichts.“„Doch.“Victoria kannte dieses Gesicht inzwischen.„Du guckst so.“Jennifer versuchte, die Erinnerung zusammenzubekommen.„Ich überlege nur.“Victoria wartete.„An dem Abend …“Jennifer stockte.„Ja?“„Ich war doch dabei.“„Natürlich.“Victoria sagte es ganz selbstverständlich.Kein Zögern.Keine Nervosität.„Deshalb weißt du doch, dass ich mir das nicht ausdenke.“Jennifer schwieg.Das stimmte.Sie hatte gesehen, wie Anna reagiert hatte.„Ich weiß.“Victoria legte den Kopf ein wenig schief.„Aber?“„Ich weiß nicht.“Jennifer suchte nach Worten.„Irgendwas war vorher.“Victoria dachte kurz nach.„Vorher?“„Bevor Anna gegangen ist.“„Wir haben geredet.“„Ja.“„Über die Ausstellung.“Jennifer nickte langsam.Die Ausstellung.Genau.Sie erinnerte sich.
Es war nach einem Treffen ihrer Fotogruppe gewesen.Ein kleines Café, acht oder neun Leute, Kameras auf dem Tisch, halb leere Gläser und viel zu viele Gespräche gleichzeitig.Jemand hatte von einer kleinen Ausstellung erzählt, für die Mitglieder der Gruppe jeweils drei Bilder einreichen durften.Victoria war sofort begeistert gewesen.„Wir machen alle drei mit.“Anna hatte gezögert.„Ich weiß nicht.“„Was weißt du nicht?“„Ob meine Bilder da reinpassen.“„Natürlich passen die da rein.“Victoria hatte Annas Arm berührt.„Du reichst ein. Keine Diskussion.“Damals hatte Jennifer darüber gelächelt.Typisch Victoria.Wenn sie von etwas überzeugt war, konnte sie einen mit ihrer Begeisterung einfach mitziehen.Anna hatte schließlich ebenfalls gelächelt.„Na gut.“Später waren sie gemeinsam Annas mögliche Bilder durchgegangen.Ein altes Fenster.Die Pflanze zwischen den Dielen.Ein Porträt eines Straßenmusikers.Anna wollte die Pflanze einreichen.Victoria nicht.„Das Fenster ist stärker.“„Mir gefällt die Pflanze besser.“„Aber für eine Ausstellung?“„Gerade dafür.“Victoria hatte das Bild auf Annas Kamera noch einmal geöffnet.„Anna, das ist süß. Wirklich. Aber das Fenster hat viel mehr Wirkung.“Anna hatte die Kamera zurückgenommen.„Ich möchte trotzdem die Pflanze nehmen.“„Du kannst natürlich machen, was du willst.“Victoria hatte gelächelt.Dann hatte sie zu den anderen am Tisch gesagt:„Was meint ihr? Fenster oder Pflanze?“Mehrere hatten sich eingemischt.Fenster.Eindeutig Fenster.Jemand hatte sogar gesagt, die Pflanze wirke eher wie ein Schnappschuss.Anna war still geworden.Jennifer erinnerte sich jetzt daran.Sie erinnerte sich auch daran, dass Anna irgendwann gesagt hatte:„Es sind doch meine Bilder.“Victoria hatte sofort geantwortet:„Natürlich sind es deine Bilder. Wir versuchen doch nur zu helfen.“„Ich habe aber gar nicht um Hilfe gebeten.“Das war der Satz gewesen.Danach war die Stimmung gekippt.Victoria hatte nichts mehr gesagt.Anna hatte ihre Kamera eingepackt.Ziemlich energisch.„Ich fahr nach Hause.“Und dann war sie gegangen.
Jennifer blinzelte.Der Regen trommelte noch immer auf das Autodach.„Sie hatte vorher mehrmals gesagt, dass sie die Pflanze nehmen möchte.“Victoria nickte.„Ja.“„Und dann haben plötzlich alle auf sie eingeredet.“„Jennifer, sie hat uns ihre Bilder gezeigt.“„Ja.“„Dann darf man doch eine Meinung dazu haben.“„Natürlich.“Jennifer wurde unsicher.Victoria hatte recht.Irgendwie.„Ich meine nur …“„Was?“Jennifer suchte nach dem Gefühl, das gerade noch so deutlich gewesen war.Victoria half ihr.„Dass ich hätte merken müssen, wann es ihr zu viel wird?“Jennifer sah sie an.„Vielleicht.“Victoria nickte sofort.„Da hast du wahrscheinlich recht.“Damit hatte Jennifer nicht gerechnet.Victoria schaute nach unten.„Mist.“„Was?“„Jetzt fühle ich mich schlecht.“„So war das doch gar nicht gemeint.“„Doch, aber du hast recht.“Sie seufzte.„Ich bin manchmal einfach zu begeistert. Dann will ich helfen und merke gar nicht, dass jemand das vielleicht überhaupt nicht möchte.“Jennifer entspannte sich ein wenig.„Du wolltest ihr ja nichts Böses.“„Natürlich nicht.“Victoria sah sie an.„Ich mag Anna.“Dann lächelte sie traurig.„Vielleicht passen wir einfach nicht besonders gut zusammen.“Und plötzlich tröstete Jennifer Victoria.„Ach Quatsch. Ihr seid einfach verschieden.“Victoria nickte.„Wahrscheinlich.“Sie startete den Wagen.Das Gespräch war beendet.Und Jennifer hatte trotzdem das Gefühl, etwas nicht zu Ende gedacht zu haben.
Mit mir oder über mich?
Einige Tage später schrieb Anna ihr.Nicht in die Gruppe.Privat.
Hast du kurz Zeit?
Jennifer rief sie an.„Alles okay?“„Ja. Ich wollte dich nur was fragen.“„Klar.“Anna schwieg kurz.„Ist Victoria sauer auf mich?“Jennifer setzte sich aufrechter hin.„Wieso?“„Sie ist irgendwie komisch.“„Wie komisch?“„Keine Ahnung.“Anna lachte unsicher.„Vielleicht bilde ich mir das auch ein.“Jennifer hörte den Satz.
- Vielleicht bilde ich mir das auch ein.
Victoria sagte das oft.„Sie hat nichts gesagt“, antwortete Jennifer.Das war nicht gelogen.Zumindest fühlte es sich für Jennifer nicht so an.„Okay.“Anna schwieg wieder.„Ist zwischen euch irgendwas passiert?“, fragte Jennifer.„Nein.“Dann:„Also … ich fand die Sache mit den Bildern blöd.“„Die Ausstellung?“„Ja.“Jennifer wartete.„Ich weiß, dass Victoria es gut gemeint hat“, sagte Anna. „Aber wenn ich dreimal sage, welches Bild ich nehmen möchte, dann möchte ich irgendwann nicht mehr darüber abstimmen lassen.“Jennifer dachte an den Abend.„Du bist aber ziemlich plötzlich gegangen.“„Ja.“Anna sagte es ohne Ausflucht.„Das war nicht besonders toll von mir.“Jennifer war überrascht.„Ich war sauer. Und bevor ich irgendwas Blödes sage, gehe ich lieber.“Das klang vernünftig.„Victoria hatte den Eindruck, dass du wegen ihrer Meinung so sauer warst.“Stille.Jennifer bemerkte erst nach dem Satz, was sie gerade gesagt hatte.Anna fragte:„Hat sie mit dir darüber gesprochen?“Jennifers Magen zog sich ein wenig zusammen.Sie erinnerte sich an ihr Versprechen.
- Bitte sprich Anna nicht darauf an.
„Nur kurz.“„Was hat sie gesagt?“„Nichts Schlimmes.“Anna schwieg.Jennifer spürte plötzlich, dass sie etwas verteidigte, obwohl Anna Victoria überhaupt nicht angegriffen hatte.„Sie macht sich einfach Gedanken.“„Über mich?“„Ja.“Wieder diese Pause.Dann sagte Anna leise:„Warum redet sie eigentlich mit dir über mich und nicht mit mir?“Jennifer hatte keine Antwort.
Am Abend dachte sie lange über diesen Satz nach.
- Warum redet sie mit dir über mich und nicht mit mir?
Es war eine einfache Frage.Fast zu einfach.Jennifer öffnete den Chat mit Victoria.Sie scrollte.Nicht weit.Nur ein Stück.
- Ich glaube, sie mag mich nicht.- Vielleicht habe ich ihre Nachricht falsch verstanden.- Ich mache mir manchmal Sorgen um sie.- Ich hätte dir das wahrscheinlich gar nicht erzählen sollen, aber …- Versprich mir bitte, dass du das nicht weitererzählst.- Anna hat es ohnehin schon schwer genug.- Bitte sprich sie aber nicht darauf an. Ich möchte wirklich keinen Ärger zwischen euch verursachen.
Jennifer legte das Handy weg.Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus.Nicht gegenüber Victoria.Noch nicht.Eher gegenüber sich selbst.Denn sie erinnerte sich plötzlich an etwas anderes.An eine Nachricht, die sie vor ein paar Tagen einer Frau aus der Fotogruppe geschickt hatte.Es war nur um eine Kleinigkeit gegangen.Um Anna.Jennifer nahm das Handy wieder.Sie suchte den Chat.Da stand es.Von ihr selbst geschrieben:
Bitte behalt das aber für dich. Anna hat gerade sowieso schon genug um die Ohren.
Jennifer starrte auf den Satz.Lange.Dann las sie ihn noch einmal.Und noch einmal.Ihr wurde heiß.Sie kannte diese Worte.Nicht genau dieselben.Aber sie kannte ihren Klang.Ihre Funktion.Erst etwas über Anna erzählen.Dann darum bitten, es nicht weiterzuerzählen.Und das Schweigen ausgerechnet mit Rücksicht auf Anna begründen.Jennifer legte das Handy auf den Tisch.Stand auf.Ging zum Fenster.Kam zurück.Sie wollte sofort einen Gedanken finden, der es harmloser machte.
-Ich habe es doch nicht böse gemeint.
Das stimmte.- Ich habe mir Sorgen gemacht.Auch das stimmte.- Ich wollte Anna nicht schaden.Das stimmte ebenfalls.Und trotzdem blieb eine Frage übrig:Warum hatte sie es dann erzählt?Jennifer setzte sich wieder.Sie öffnete den Chat mit der Frau.Ihre Finger lagen über der Tastatur.Sie begann:
Das, was ich dir neulich über Anna erzählt habe …
Löschte es.Begann erneut.
Bitte vergiss …
Wieder gelöscht.Schließlich schrieb sie:
Ich möchte etwas richtigstellen. Ich habe dir neulich etwas über Anna erzählt, das mir eigentlich gar nicht zustand weiterzugeben. Du kennst ihre Seite davon nicht. Ehrlich gesagt kenne ich sie auch nicht vollständig. Bitte behandle das deshalb nicht als Tatsache und erzähl es auch nicht weiter.
Sie las die Nachricht dreimal.Dann schickte sie sie ab.Es machte nichts ungeschehen.Das wusste Jennifer.Aber zum ersten Mal seit Wochen hatte sie das Gefühl, wieder etwas selbst entschieden zu haben.
Neben dem Bildrand
Beim nächsten Treffen der Fotogruppe kam Anna später.Jennifer saß mit Victoria und zwei anderen Frauen an einem Tisch.Sie sprachen über Bilder.
Über Objektive.
Über irgendeinen Fotografen, dessen Ausstellung niemand besonders verstanden hatte.Es war leicht.
Lustig.
Victoria war wie immer.Dann erwähnte jemand Annas Namen.Eine der Frauen verdrehte die Augen.„Na, da muss man ja inzwischen auch aufpassen, was man sagt.“Jennifer sah auf.„Wieso?“Die Frau zuckte mit den Schultern.„Du weißt doch, wie Anna manchmal ist.“Jennifer spürte etwas.Diesen Satz kannte sie ebenfalls.Nicht von der Frau.Von Victoria.Sie sah zu ihr.Victoria trank gerade ihren Kaffee.Ganz ruhig.„Was meinst du damit?“, fragte Jennifer.Die Frau wirkte überrascht.„Na ja … dass sie schnell beleidigt ist.“„Wann?“„Keine Ahnung. So allgemein.“Jennifer wartete.„Hat sie dir etwas getan?“„Mir? Nein.“„Hat sie etwas zu dir gesagt?“„Nein.“Die Frau lachte unsicher.„Jennifer, jetzt mach doch kein Verhör daraus.“„Mach ich nicht.“Jennifer lächelte sogar.„Ich wollte nur wissen, woher du das weißt.“Die Frau schwieg.Victoria stellte ihre Tasse ab.„Jetzt macht doch bitte kein großes Ding daraus.“Jennifer sah zu ihr.Victoria lächelte.Warm.
Beruhigend.
Wie immer.„Wir wissen doch alle, dass Anna manchmal ein bisschen empfindlich reagieren kann.“Und da war er.Der Moment.Jennifer sah Victoria an.Nicht wütend.
Nicht anklagend.
Nur aufmerksam.Und plötzlich erinnerte sie sich wieder an den Flur im Herrenhaus.An Victoria:
- „Und plötzlich kann sie schnell.“An Anna, die sich umgedreht und ihr die Zunge herausgestreckt hatte.An das Gelächter.An den Güterbahnhof.An das Café.An die Ausstellung.An all diese kleinen Situationen, von denen Jennifer inzwischen glaubte, sie würden etwas über Anna beweisen.Und zum ersten Mal stellte sie sich eine andere Frage.Nicht:Was stimmt mit Anna nicht?Sondern:Seit wann sehe ich Anna eigentlich so?Sie wusste die Antwort nicht.Aber etwas in ihr hatte begonnen, den Bildrand zu suchen.
Diesmal sah sie hin
Am folgenden Samstag traf sich die Fotogruppe zu einem kleinen Ausflug am Hafen.Es war einer dieser hellen Herbsttage, an denen die Sonne noch überraschend warm war, während der Wind bereits nach den ersten kalten Wochen roch.Jennifer war früh da.Victoria auch.Anna nicht.„Zehn Minuten“, sagte Victoria und sah auf ihr Handy.Jennifer grinste.„Du führst Buch?“„Selbstverständlich. Ordnung muss sein.“„Dann schreib bei mir vom letzten Mal minus sieben Minuten rein.“Victoria sah sie gespielt empört an.„Du warst sieben Minuten zu spät?“„Mindestens.“„Das verändert alles, was ich über dich gedacht habe.“Jennifer lachte.Früher hätte sie bei dieser Gelegenheit vielleicht gesagt:Anna kommt doch öfter zu spät.Der Gedanke war sogar kurz da.Aber sie sagte ihn nicht.Sie bemerkte ihn nur.Und allein das fühlte sich merkwürdig an.
Anna kam zwölf Minuten später um die Ecke.Die Kamera hing ihr vor der Brust, in einer Hand hielt sie einen Pappbecher und in der anderen eine kleine Tüte.„Bevor jemand meckert.“Sie hielt die Tüte hoch.„Bestechung.“Victoria nahm sie ihr ab.„Was ist drin?“„Franzbrötchen.“„Verspätung vergeben.“Anna reichte Jennifer den Kaffeebecher.„Und der ist für dich.“Jennifer sah überrascht auf.„Für mich?“„Du hast letztes Mal gesagt, dass du morgens ohne Kaffee kein Mensch bist.“Jennifer nahm den Becher.„Du hast dir das gemerkt?“Anna zuckte mit den Schultern.„Ja.“Es war nur eine Kleinigkeit.Jennifer hätte sie vor einigen Wochen wahrscheinlich genauso wahrgenommen.Aber heute blieb sie einen Moment länger daran hängen.Du hast dir das gemerkt.Anna war nicht besonders gut darin, große Dinge zu sagen.Vielleicht waren das hier ihre großen Dinge.
Die Gruppe bekam an diesem Tag keine gemeinsame Aufgabe. Sie durften sich frei im Hafengebiet bewegen, solange niemand abgesperrte Bereiche betrat.Nach einer Weile standen Jennifer, Anna und Victoria an einer alten Backsteinhalle.„Da hinten“, sagte Victoria.Sie deutete auf eine schmale Durchfahrt.„Wenn wir durchgehen, kommen wir bestimmt näher an die alten Kräne.“Anna sah auf das Schild neben der Durchfahrt.BETRETEN VERBOTEN – BETRIEBSGELÄNDE„Da dürfen wir nicht rein.“Victoria sah ebenfalls hin.„Da arbeitet doch heute niemand.“„Trotzdem dürfen wir nicht rein.“Victoria grinste.„Anna.“„Victoria.“Jennifer musste lachen.„Ich liebe es, wenn ihr euch so unterhaltet.“Victoria legte eine Hand auf Annas Schulter.„Wir gehen nur bis hinter die Halle.“Anna schüttelte den Kopf.„Ich nicht.“„Du bist wirklich ein kleiner Angsthase.“Der Satz war scherzhaft gesagt.Anna lächelte sogar.„Kann sein. Aber ein Angsthase ohne Hausverbot.“Jennifer lachte.Victoria ebenfalls.„Na gut. Dann eben außen herum.“Sie gingen weiter.Nichts war passiert.
Eine halbe Stunde später entdeckten sie einen alten Kran.Anna blieb sofort stehen.„Oh.“Victoria grinste.„Dieses Oh kenne ich inzwischen.“Der Kran war längst außer Betrieb. Rost zog sich über das Metall, und an einem der alten Haken hatte sich eine Möwe niedergelassen.Anna hob ihre Kamera.In diesem Moment flog die Möwe davon.„Nein!“Anna ließ die Kamera sinken.Jennifer lachte.„Zu langsam.“„Danke für deine Unterstützung.“Victoria zeigte nach oben.„Warte. Die kommt zurück.“„Woher willst du das wissen?“„Weil ich eine tiefe spirituelle Verbindung zu Hafenmöwen habe.“Anna sah sie an.„Natürlich hast du die.“Ein paar Minuten später kam tatsächlich eine Möwe zurück.Ob es dieselbe war, wusste niemand.„Victoria!“, flüsterte Jennifer. „Deine Verwandtschaft!“Anna prustete los.Victoria legte eine Hand auf ihr Herz.„Endlich nimmt jemand meine Gabe ernst.“Anna fotografierte.Klick.Klick.Klick.Dann kam ein älterer Mann aus einem kleinen Gebäude neben der Halle.„Entschuldigung!“Anna nahm sofort die Kamera herunter.Der Mann kam auf sie zu.„Sie können hier nicht direkt vor dem Tor stehen. Da muss gleich ein Fahrzeug raus.“„Oh, Entschuldigung“, sagte Anna sofort. „Das habe ich nicht gesehen.“Sie ging zur Seite.Jennifer und Victoria ebenfalls.„Kein Problem“, sagte der Mann. „Nur ein Stück weiter da drüben. Da können Sie fotografieren.“„Danke“, sagte Anna.Damit hätte die Sache erledigt sein können.Doch in diesem Moment kam ein Lieferwagen um die Ecke.Der Fahrer musste kurz abbremsen.Der ältere Mann hob die Hand und winkte ihn vorbei.Anna trat noch einen Schritt zurück.„Tut mir wirklich leid.“„Alles gut“, sagte der Mann noch einmal.Der Wagen fuhr durch.Ende.Jennifer hatte alles gesehen.
Mehr als ein Ausschnitt
Später saßen sie mit einigen anderen aus der Gruppe auf einer niedrigen Mauer.Jemand zeigte Bilder herum.Anna unterhielt sich mit einem jungen Mann über Objektive.Victoria saß neben Jennifer.„Ich glaube, Anna war eben ganz schön sauer.“Jennifer sah sie an.„Wann?“„Bei dem Mann.“„Sauer?“„Ja.“Victoria nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche.„Hast du nicht gesehen, wie sie reagiert hat?“Jennifer dachte zurück.Diesmal bewusst.Anna hatte die Kamera heruntergenommen.Oh, Entschuldigung. Das habe ich nicht gesehen.Sie war zur Seite gegangen.Dann der Lieferwagen.Tut mir wirklich leid.Der Mann:Alles gut.Mehr war nicht gewesen.„Nein“, sagte Jennifer.Victoria sah sie an.„Nicht?“„Nein.“„Vielleicht habe ich es anders wahrgenommen.“Da war er wieder.Dieser Satz.Früher hätte Jennifer sofort angefangen, ihre eigene Erinnerung zu überprüfen.Diesmal tat sie etwas anderes.Sie hielt sie fest.„Was genau fandest du denn sauer?“Victoria schien kurz überrascht.„Na ja, ihre ganze Art.“„Welche Art?“„Jennifer, ich führe doch kein Protokoll.“Sie lachte.Jennifer lächelte ebenfalls.„Ich auch nicht.“Damit hätte das Gespräch enden können.Doch Victoria sagte:„Sie hat die Kamera so runtergerissen und war total patzig zu dem Mann.“Jennifer sah sie an.Etwas in ihr wurde vollkommen ruhig.„Nein.“Victoria blinzelte.„Was?“„Sie war nicht patzig.“„Ich fand schon.“„Sie hat sich entschuldigt.“„Ja, hinterher.“Jennifer runzelte die Stirn.„Nein. Sofort.“Victoria schraubte ihre Flasche zu.„Vielleicht erinnerst du dich anders.“Und da war er.Der Moment.Nicht groß.Kein Knall.Kein Beweisstück.Nur dieser eine Satz.Vielleicht erinnerst du dich anders.Jennifer sah hinüber zu Anna.Sie saß ein paar Meter entfernt auf der Mauer und hielt dem jungen Mann ihre Kamera hin.Offenbar zeigte sie ihm gerade die Möwe.Beide lachten.Jennifer hörte ihre eigene Stimme, bevor sie darüber nachdenken konnte.„Aber ich war dabei.“Victoria sah sie an.„Ich doch auch.“„Ja.“Jennifer nickte.„Genau.“Für einen Moment sagte keine von beiden etwas.
Victoria lächelte schließlich.„Okay. Dann haben wir es eben unterschiedlich wahrgenommen.“Es war eine vernünftige Antwort.Eine gute sogar.Jennifer hätte sie früher beruhigt.Ist doch nicht schlimm.Kann passieren.Jeder nimmt Dinge anders wahr.Diesmal sagte sie nichts.Denn plötzlich dachte sie an Adrian.An die große Empfangshalle.An drei Fotografien an einer alten Wand.Nichts daran ist erfunden.Und:Wahrheit und Vollständigkeit sind nicht dasselbe.Nur war es diesmal anders.Victoria hatte nicht bloß einen anderen Ausschnitt gewählt.Sie hatte Jennifer gerade erzählt, Anna sei patzig gewesen.Jennifer hatte es nicht so erlebt.Das bedeutete nicht automatisch, dass Victoria log.Vielleicht hatte Victoria Annas Gesicht anders gedeutet.Vielleicht hatte sie ihren Ton anders empfunden.Vielleicht.Aber Jennifer bemerkte etwas, das ihr inzwischen wichtiger erschien:Sie musste Victorias Wahrnehmung nicht übernehmen, nur weil Victoria sie überzeugend aussprach.
Auf der Rückfahrt war Jennifer ungewöhnlich still.Nicht, weil sie über Anna nachdachte.Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte sie über Jennifer nach.Wann hatte sie eigentlich angefangen, nach Victorias Blick auf Anna zu suchen?Sie erinnerte sich an den Güterbahnhof.Anna hatte gesagt:Ich finde, dafür verschwenden wir gerade ziemlich viel Zeit.Damals hatte Jennifer darin plötzlich Schärfe gehört.War die Schärfe wirklich da gewesen?Oder hatte sie sie gesucht?Das Café.Hättet ja mal was sagen können 😂 Viel Spaß euch.Jennifer hatte den lachenden Smiley gesehen.Und trotzdem hatte sie irgendwann angefangen, hinter dem Satz etwas anderes zu vermuten.Die Ausstellung.Anna hatte mehrfach gesagt, welches ihrer eigenen Bilder sie einreichen wollte.Später war daraus in Jennifers Erinnerung vor allem geworden:Anna ist plötzlich sauer geworden und gegangen.Jennifer schluckte.Es fühlte sich an, als würde sie alte Fotografien noch einmal öffnen.Nur diesmal zog sie den Ausschnitt weiter.Und plötzlich tauchten am Rand Dinge auf, die vorher gefehlt hatten.
Zu Hause setzte sie sich an den Laptop.Sie öffnete einen Ordner, den sie seit Monaten nicht mehr angesehen hatte.HerrenhausSie scrollte.Die Empfangshalle.Der Lichtstrahl.Das Treppengeländer.Die Pflanze.Der Spiegel.Dann die drei Bilder des Anhängers.Jennifer öffnete Annas Foto.Staub.Dunkles Kupfer.Der Riss.Dann ihres.Wärmeres Licht.Etwas arrangiert.Der gleiche Riss.Dann Victoria.Glanz.Spiegel.Perfektion.Jennifer vergrößerte die Aufnahme.Sie musste suchen.Dann fand sie ihn.Den Riss.Er war die ganze Zeit da gewesen.Nur das Bild hatte ihren Blick woanders hingeführt.Jennifer lehnte sich zurück.Plötzlich erinnerte sie sich an Victorias Worte vom allerersten Tag.Du entscheidest, was in deinem Bild wichtig ist.Damals hatte Jennifer diesen Satz wunderschön gefunden.Heute klang er anders.Nicht falsch.Nur anders.
Dann ist ja alles gut?
Ihr Handy vibrierte.Victoria.
Alles gut bei dir? Du warst nachher so still.
Jennifer sah auf die Nachricht.Normalerweise hätte sie sofort geantwortet.
Alles gut ❤️
Diesmal legte sie das Handy hin.Nicht aus Strafe.Sie wusste nur noch nicht, was sie sagen wollte.Wenig später kam eine zweite Nachricht.
Ich hoffe, du hast das mit Anna eben nicht falsch verstanden. Ich möchte wirklich nicht, dass du wegen mir anders über sie denkst.
Jennifer las den Satz.Dann noch einmal.Und etwas daran ließ sie plötzlich aufhorchen.Nicht, weil der Satz neu war.Sondern weil er es nicht war.Wie oft hatte Victoria etwas Ähnliches gesagt?- Ich möchte wirklich nichts Schlechtes über Anna sagen.- Vielleicht habe ich es falsch verstanden.- Ich hätte dir das wahrscheinlich gar nicht erzählen sollen.- Anna hat es ohnehin schon schwer genug.- Bitte sprich sie nicht darauf an.- Ich möchte keinen Ärger zwischen euch verursachen.- Mach dir selbst ein Bild.Immer andere Worte.Immer derselbe Aufbau.Jennifer öffnete die Tastatur.Sie schrieb:
Alles gut.
Dann löschte sie es.Sie schrieb:
Ich weiß.
Auch das löschte sie.Schließlich tippte sie:
Ich höre dir zu. Aber ich entscheide selbst, was ich davon glaube.
Jennifer betrachtete den Satz.Ihr Herz schlug schneller, obwohl darin weder ein Vorwurf noch ein böses Wort stand.Sie schickte ihn.
Die Antwort kam nicht sofort.Eine Minute.Zwei.Dann:
Natürlich. Das habe ich doch nie anders gewollt.
Jennifer las die Nachricht.Früher hätte sie sich wahrscheinlich sofort schlecht gefühlt.Hatte sie Victoria gerade ungerecht behandelt?War ihr Satz zu hart gewesen?Hatte Victoria nicht immer gesagt, Jennifer solle sich selbst ein Bild machen?All diese Gedanken kamen.Aber diesmal kam noch einer.Ein leiser.Eigener.Dann ist ja alles gut.Jennifer legte das Handy weg.Sie musste Victoria nicht überzeugen.Sie musste sie nicht entlarven.Sie musste nicht einmal wissen, warum Victoria tat, was sie tat.Zum ersten Mal begriff Jennifer, dass sie eine viel kleinere Entscheidung treffen durfte.Und gleichzeitig eine viel größere.Sie durfte ihrer eigenen Wahrnehmung wieder einen Platz geben.
Der eigene Fokus
Am nächsten Morgen stand eine Nachricht von Victoria auf ihrem Handy.Ganz normal.Ein Foto vom Sonnenaufgang.
Das Licht!!! 😍
Jennifer lächelte sogar.Victoria war noch immer Victoria.Charmant.Begeistert.Talentiert.Die Frau, mit der Jennifer nächtelang telefoniert hatte.Die ihr ein Foto von sich selbst geschenkt hatte, auf dem Jennifer sich zum ersten Mal seit Langem gefallen hatte.All das war nicht plötzlich unwahr.Und vielleicht war genau das das Schwierigste daran.Jennifer musste aus Victoria kein Monster machen, um anzuerkennen, dass etwas zwischen ihnen nicht richtig war.Sie antwortete:
Wunderschönes Licht.
Mehr nicht.Dann öffnete sie die gemeinsame Gruppe.Anna hatte um 6:43 Uhr ein Foto geschickt.Eine einzelne Feder lag auf einem nassen Gehweg.Darunter:
Sieht aus, als hätte jemand einen Flügel verloren.
Jennifer lächelte.Früher hätte sie vielleicht einfach ein Herz daruntergesetzt.Heute schrieb sie:
Wie siehst du so etwas eigentlich immer?
Anna antwortete:
Es liegt da. Man muss nur hingucken.
Jennifer blieb mit dem Finger über dem Display stehen.Dann sah sie noch einmal auf den Satz.- Man muss nur hingucken.Vielleicht, dachte Jennifer, war das tatsächlich alles, was sie jetzt tun musste.Nicht Victoria beobachten.Nicht Anna überprüfen.Nicht entscheiden, wer von beiden „die Gute“ war.Einfach wieder selbst hinsehen.Und dieses Mal würde Jennifer versuchen, nicht nur das zu betrachten, was innerhalb des Bildes lag.
Am nächsten Wochenende nahm Jennifer ihre Kamera und fuhr allein los.Das hatte sie lange nicht mehr gemacht.In den vergangenen Monaten war Fotografie fast automatisch mit Anna und Victoria verbunden gewesen. Mit Nachrichten am Vorabend, Treffpunkten, Kaffee, Gelächter und der Frage, wer diesmal wieder zu spät kommen würde.Heute wollte Jennifer niemanden treffen.Sie wollte einfach fotografieren.Sie parkte am Rand eines kleinen Naturschutzgebietes und ging einen schmalen Weg entlang. Der Herbst hatte die ersten Blätter gefärbt. Auf dem Wasser eines kleinen Teiches lag eine dünne Nebelschicht.Jennifer blieb stehen.Ein einzelnes Blatt hing an einem Spinnennetz zwischen zwei Zweigen. Dahinter spiegelte sich das Morgenlicht im Wasser.Sie hob die Kamera.Unscharf.Jennifer drehte am Objektiv.Noch ein kleines Stück.Das Blatt wurde klar.Die feinen Fäden des Netzes erschienen.Klick.Sie nahm die Kamera herunter.Dann hob sie sie noch einmal.Wieder unscharf.Jennifer runzelte die Stirn und sah auf die Einstellungen.Falscher Fokusmodus.Sie musste lachen.„Na großartig.“Sie änderte die Einstellung, sah wieder durch den Sucher und drehte leicht am Objektiv.Scharf.Es war so einfach, neu scharfzustellen, sobald man bemerkte, dass etwas nicht stimmte.Jennifers Finger blieb auf dem Auslöser liegen.Der Satz war einfach da.Und plötzlich dachte sie nicht mehr an das Blatt.Sie dachte an Anna.An Victoria.An sich selbst.Wie lange hatte sie eigentlich schon gemerkt, dass sich etwas falsch anfühlte?Nicht deutlich.Nicht so, dass sie es hätte erklären können.Eher wie ein Foto, bei dem man beim ersten Hinsehen nicht sagen konnte, was störte.Man sah es an und wusste nur:Irgendetwas stimmt nicht.Und anstatt selbst nachzujustieren, hatte Jennifer immer wieder zugelassen, dass jemand anderes ihr erklärte, was sie sah.Sie nahm die Kamera herunter.Das war kein schöner Gedanke.Aber er war ihrer.Und inzwischen bedeutete ihr genau das sehr viel.
In den folgenden Tagen begann Jennifer nicht, Victoria zu beobachten.Sie stellte keine Fallen.Sie überprüfte keine Nachrichten.Sie fragte auch Anna nicht aus.Sie tat etwas viel Einfacheres.Sie hörte zu.Und wenn jemand etwas über Anna sagte, stellte Jennifer sich eine Frage:Woher weiß ich das?Erstaunlich oft lautete die Antwort:Gar nicht.
Mehr als eine Perspektive
Bei einem Treffen der Fotogruppe saßen sie zu fünft an einem großen Tisch.Anna war noch nicht da.Eine der Frauen erzählte von einer geplanten Ausstellung.„Da müssen wir diesmal aber früh festlegen, wer was macht.“Victoria nickte.„Unbedingt.“Die Frau lachte.„Und möglichst ohne Drama.“Jennifer sah auf.„Was für Drama?“„Na ja.“Die Frau machte eine kleine Bewegung mit der Hand.„Du weißt ja, wie Anna manchmal ist.“Da war er wieder.Genau dieser Satz.Diesmal ließ Jennifer ihn nicht einfach stehen.„Nein“, sagte sie.Die Frau sah sie überrascht an.„Was?“Jennifer selbst war ebenso überrascht darüber, wie ruhig ihre Stimme klang.„Nein. Eigentlich weiß ich nur, was mir über sie erzählt wurde.“Stille.Nur wenige Sekunden.Aber Jennifer spürte jede einzelne davon.Victoria sah zu ihr.Die andere Frau lachte unsicher.„Na ja, ich meine doch nur … bei der letzten Ausstellung.“„Warst du dabei?“, fragte Jennifer.„Nein.“„Ich schon.“Die Frau schwieg.Jennifer ebenfalls.Sie wollte keinen Streit.Sie wollte Anna nicht verteidigen, als wäre Anna nicht in der Lage, für sich selbst zu sprechen.Sie wollte nur nicht länger so tun, als wüsste sie etwas, das sie nicht wusste.Victoria schob ihre Kaffeetasse ein Stück zur Seite.„Jennifer, jetzt mach doch bitte kein großes Ding daraus.“„Mach ich nicht.“„Es war doch nur eine Bemerkung.“„Ja.“Jennifer nickte.„Und ich habe nur darauf geantwortet.“Victoria sah sie einen Moment an.Dann lächelte sie.„Okay.“Das Gespräch wechselte das Thema.Ganz einfach.Und trotzdem zitterten Jennifers Hände unter dem Tisch.
Anna kam zwanzig Minuten später.„Entschuldigung!“Sie zog ihre Jacke aus.„Ich weiß. Zu spät.“Victoria sah auf die Uhr.„Achtzehn Minuten.“Anna starrte sie an.„Du führst wirklich Buch!“Jennifer musste lachen.„Hat sie bei mir auch gemacht.“„Verrückt.“Anna setzte sich neben Jennifer.„Was hab ich verpasst?“„Nicht viel.“Jennifer sagte es automatisch.Dann hielt sie inne.- Was hab ich verpasst?Vor wenigen Minuten hatten Menschen über Anna gesprochen.Und Anna setzte sich an denselben Tisch, ohne etwas davon zu wissen.Jennifer sah sie von der Seite an.Anna kramte gerade ihre Kamera aus der Tasche.Fröhlich.Ahnungslos.Und Jennifer erinnerte sich an all die Male, in denen sie selbst irgendwo gesessen hatte, während Anna nicht dabei gewesen war.Gespräche.Bemerkungen.Blicke.Kleine Sätze.- Du weißt ja, wie sie ist.Jennifer spürte plötzlich einen Druck im Magen.Denn zum ersten Mal stellte sie sich nicht vor, was Victoria getan hatte.Sie fragte sich:Was habe ich getan?
Ich war nicht nur dabei...
Die Antwort gefiel ihr nicht.In den nächsten Tagen kamen Erinnerungen zurück.Nicht dramatisch.Gerade deshalb taten sie weh.Ein Fototreffen, zu dem Anna nicht eingeladen worden war.Jennifer hatte damals gedacht, es sei vielleicht besser so.Sonst gibt es wieder Spannungen.Wer hatte eigentlich gesagt, dass es Spannungen geben würde?Jennifer wusste es nicht mehr.Eine Nachricht von einer Frau aus der Gruppe:
Ist Anna immer so empfindlich?
Jennifer hatte geantwortet:
Sie meint das meistens nicht böse. Man muss nur ein bisschen wissen, wie man sie nehmen muss.
Jennifer las diesen alten Satz heute und hätte am liebsten das Handy weggelegt.
- Wie man sie nehmen muss.
Als wäre Anna eine schwierige Gebrauchsanweisung.Woher hatte Jennifer sich das Recht genommen?Dann fand sie eine andere Nachricht.
Sag Anna bitte nicht, dass ich dir das erzählt habe.
Ihre eigene Antwort darunter:
Keine Sorge. Von mir erfährt sie nichts.
Jennifer schloss die Augen.Es tat weh.Nicht, weil Victoria sie dazu gezwungen hatte.Das hatte sie nicht.Jennifer hatte diese Nachrichten selbst geschrieben.Mit ihren eigenen Händen.
Und dann fand sie den Satz.Sie hatte gewusst, dass es ihn gab.Trotzdem traf er sie anders, als sie ihn jetzt wieder las.
Bitte behalt das aber für dich. Anna hat gerade sowieso schon genug um die Ohren.
Jennifer starrte darauf.Sie hörte Victorias Stimme.- Versprich mir bitte, dass du das nicht weitererzählst. Anna hat es ohnehin schon schwer genug.Fast derselbe Gedanke.Fast dieselbe Verpackung.Jennifer legte das Handy auf den Tisch.Sie stand auf.Ging in die Küche.Kam zurück.Setzte sich wieder.Das Handy lag noch immer da.Der Satz auch.Sie wollte ihn erklären.Ich hatte mir doch nur Sorgen gemacht.Stimmte.Ich wollte Anna schützen.Vielleicht hatte sie das tatsächlich geglaubt.Ich wollte ihr nicht wehtun.Auch das stimmte.Jennifer spürte Tränen in den Augen.„Aber ich hab es getan“, sagte sie leise.Niemand antwortete.Es gab niemanden, der ihr diesen Satz abnehmen konnte.Jennifer weinte nicht, weil sie plötzlich glaubte, ein schlechter Mensch zu sein.Sie weinte, weil sie wusste, dass sie keiner sein wollte.Und trotzdem etwas getan hatte, das einem anderen Menschen wehgetan haben konnte.Das war schwerer auszuhalten als jede einfache Erklärung.Victoria hatte sie beeinflusst.Und Jennifer hatte mitgemacht.Beides war wahr.
Nicht mehr…
Am nächsten Tag saß Jennifer mit zwei Frauen aus der Fotogruppe zusammen.Anna und Victoria waren beide nicht dabei.Sie redeten über die nächste Tour.Irgendwann fiel Annas Name.„Ich weiß nicht“, sagte eine der Frauen. „Mit Anna ist es manchmal schon anstrengend.“Die andere nickte.Jennifer schwieg.Früher hätte sie vielleicht ebenfalls genickt.Die erste Frau beugte sich etwas vor.„Ich hab da übrigens noch was gehört.“Jennifer spürte sofort, wie sich etwas in ihr zusammenzog.„Was?“„Na ja, angeblich hat Anna …“Die Frau begann zu erzählen.Jennifer hörte die ersten Sätze.Und dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.Sie hörte sich selbst.Nicht heute.Von damals.- Bitte behalt das aber für dich.- Von mir erfährt sie nichts.- Anna hat gerade sowieso schon genug um die Ohren.Jennifer hob die Hand.„Warte.“Die Frau verstummte.Jennifer atmete ein.„Ich möchte es nicht wissen.“„Was?“„Das über Anna.“„Aber ich wollte doch nur—“„Ich weiß.“Jennifer lächelte schwach.„Ich habe nur selbst viel zu lange bei solchen Gesprächen mitgemacht.“Die beiden Frauen sahen sie an.Jennifer spürte wieder dieses unangenehme Ziehen im Bauch.Diesmal lief sie nicht davor weg.„Wenn Anna nicht hier ist, um ihre Seite zu erzählen, möchte ich es nicht hören.“Die Frau lehnte sich zurück.„Okay.“Mehr geschah nicht.Kein Streit.Keine große Erkenntnis bei den anderen.Kein Applaus.Das Gespräch ging irgendwann weiter.Aber für Jennifer war etwas zu Ende gegangen.
Der Preis des eigenen Blicks
Später am Nachmittag bekam sie eine Nachricht von Victoria.
Hast du kurz Zeit?
Jennifer sah auf das Display.
Ja.
Das Telefon klingelte fast sofort.„Hey.“Victorias Stimme klang freundlich.Wie immer.„Hey.“„Ist alles okay zwischen uns?“Jennifer schwieg einen Moment.„Warum fragst du?“„Du bist anders.“Jennifer sah aus dem Fenster.„Ja.“Victoria wartete.„Hab ich irgendwas gemacht?“Da war sie.Die Frage, vor der Jennifer sich gefürchtet hatte.Und plötzlich wusste sie, dass sie nicht antworten musste:Du hast mich manipuliert.Sie musste Victoria nicht erklären, wer Victoria war.Sie konnte nur sagen, was Jennifer nicht mehr wollte.„Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht.“„Über Anna?“Jennifer bemerkte es sofort.Nicht über uns.Nicht über dich und mich.Über Anna.„Auch.“„Hat sie irgendwas zu dir gesagt?“„Nein.“„Sicher?“Jennifer schloss kurz die Augen.„Victoria.“„Was denn? Ich frage doch nur.“„Genau.“Stille.„Was soll das heißen?“Jennifer suchte nicht nach dem perfekten Satz.Sie suchte nach ihrem eigenen.„Ich habe irgendwann angefangen, Anna anders zu sehen.“Victoria sagte nichts.„Und lange dachte ich, das wäre einfach meine Erfahrung mit ihr.“„Ist es doch auch.“Jennifer schüttelte langsam den Kopf, obwohl Victoria es nicht sehen konnte.„Nicht nur.“„Jennifer, wenn Anna dir jetzt irgendwelche Sachen über mich erzählt hat—“„Hat sie nicht.“„Aber woher kommt das dann plötzlich?“Jennifer blickte auf ihre Kamera, die auf dem Tisch lag.„Von mir.“Victoria schwieg.„Ich habe angefangen, mich zu fragen, woher ich manche Dinge eigentlich weiß.“„Und?“Jennifer schluckte.„Bei erstaunlich vielen wusste ich sie nur, weil du sie mir erzählt hast.“„Das ist doch völliger Unsinn.“Zum ersten Mal war Victorias Stimme schärfer.Jennifer spürte sofort den alten Reflex.Vielleicht tue ich ihr gerade Unrecht.Vielleicht habe ich alles falsch verstanden.Vielleicht sollte ich zurückrudern.Das Gefühl war da.Ganz deutlich.Und zum ersten Mal erschreckte es Jennifer nicht.Sie erkannte es.Das war alles.„Vielleicht siehst du das anders“, sagte sie.„Natürlich sehe ich das anders!“„Okay.“Victoria verstummte.Mit diesem Okay hatte sie offenbar nicht gerechnet.„Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“Jennifer dachte an den Hafen.- Vielleicht erinnerst du dich anders.Damals hatte sie beinahe wieder angefangen, ihrer eigenen Erinnerung zu misstrauen.Heute nicht.„Ich höre dir zu, Victoria. Aber ich entscheide selbst, was ich davon glaube.“Stille.Lange.Dann lachte Victoria kurz.Nicht fröhlich.„Wow.“Jennifer sagte nichts.„Dann weiß ich ja jetzt, woran ich bei dir bin.“Der Satz traf.Natürlich traf er.Jennifer mochte Victoria.Vielleicht war genau das der Grund, warum es so wehtat.„Ich möchte dir nicht wehtun.“„Tust du aber.“Jennifer schloss die Augen.Früher hätte sie jetzt alles zurückgenommen.Sie hätte erklärt.Getröstet.Versichert.Heute sagte sie:„Das glaube ich dir.“Und ließ den Satz stehen.Victorias Verletzung durfte da sein.Jennifers Grenze aber auch.
Als das Gespräch beendet war, saß Jennifer lange still.Es fühlte sich nicht gut an.Das überraschte sie.Sie hatte gedacht, eine Grenze würde sich stark anfühlen.Befreiend vielleicht.Stattdessen fühlte sie sich traurig.Unsicher.Und gleichzeitig war da etwas anderes.Etwas sehr Kleines.Ruhe.Jennifer nahm ihre Kamera.Ohne besonderen Grund.Sie trat ans Fenster.Auf dem gegenüberliegenden Dach saß ein Vogel.Sie hob die Kamera.Sah durch den Sucher.Unscharf.Ihre Finger fanden das Objektiv beinahe automatisch.Eine kleine Drehung.Der Vogel wurde klar.Jennifer hielt inne.Dann musste sie lächeln.Es war so einfach, neu scharfzustellen, sobald man bemerkte, dass etwas nicht stimmte.Jennifer sah noch einmal durch den Sucher.Der Vogel saß gestochen scharf vor ihr.Alles andere verschwamm.Und plötzlich musste sie die Kamera herunternehmen.Denn so einfach war es eben doch nicht.Nicht außerhalb der Fotografie.Dort genügte eine kleine Bewegung ihrer Finger.Hier hatte sich mit dem neuen Fokus etwas verschoben, von dem Jennifer noch nicht wusste, wohin damit.Da war plötzlich eine Leere.Victoria fehlte ihr.Dieser Gedanke tat beinahe am meisten weh.Nicht die Victoria aus den Gesprächen über Anna.Die andere.Die Frau, die nachts angerufen hatte, weil sie noch unbedingt ein Bild zeigen musste.Die mit ihr gelacht hatte.Die ihr das Gefühl gegeben hatte, gesehen zu werden.Die ihr manchmal mitten in der Nacht geschrieben hatte:- JENNIFER!!! Das Licht! Wie hast du DAS denn gesehen?Jennifer lächelte bei der Erinnerung.Und genau dieses Lächeln tat weh.Weil es echt war.Die schönen Momente verschwanden nicht, nur weil Jennifer heute manches anders betrachtete.Sie durfte Victoria vermissen.Sie durfte sich nach den langen Telefonaten sehnen.Nach ihrem Lachen.Nach den Nachrichten, bei denen Victorias Name auf dem Display erschien und Jennifer sich freute.Für einen kurzen, schmerzhaften Moment wünschte sie sich zurück.Einfach zurück.Vor all die Fragen.Vor das Misstrauen.Vor den Hafen.Vor diesen einen Satz:- Aber ich war dabei.Vielleicht könnte es wieder so werden.Sie müsste Victoria nur anrufen.Sagen, dass sie in letzter Zeit zu viel nachgedacht hatte.Dass sie wahrscheinlich manches überbewertet hatte.Dass Freundschaften eben kompliziert waren.Dass Victoria es doch nur gut gemeint hatte.Dass Anna tatsächlich manchmal empfindlich war.Dass …Jennifer schloss die Augen.Da war er wieder.Der alte Weg.Und jetzt konnte sie ihn sehen.Er führte zurück in etwas Warmes und Vertrautes.Aber der Preis dafür wäre, wieder etwas von sich selbst dort zu lassen.Jennifer öffnete die Augen.Nein.Sie musste Victoria nicht schlecht machen, um diese Grenze zu behalten.Sie musste die gemeinsame Zeit nicht entwerten.Sie musste nicht einmal aufhören, Victoria zu mögen.Eine Grenze konnte schützen.Und trotzdem konnte hinter ihr jemand stehen, den man vermisste.Beides durfte wahr sein.Jennifer durfte Victoria vermissen.Sie durfte dankbar für schöne Erinnerungen sein.Sie durfte sogar wünschen, sie hätte manches niemals bemerkt.Aber sie konnte nicht wieder ungesehen machen, was sie inzwischen gesehen hatte.Nicht ohne sich selbst zu verraten.Jennifer hob die Kamera noch einmal.Der Vogel war fort.Nur das leere Dach blieb im Sucher.Sie drehte nicht am Objektiv.Es gab nichts neu einzustellen.Der Fokus stimmte.Nur das Bild hatte sich verändert.Jennifer ließ die Kamera sinken.Vielleicht war genau das die Leere, die sie gerade fühlte.Nicht weil sie ihren eigenen Blick wiedergefunden hatte.Sondern weil sie jetzt begriff, dass sie mit diesem Blick manche Wege nicht mehr zurückgehen konnte.Sie konnte Victoria weiterhin mögen.Sie konnte sie vermissen.Aber sie konnte ihr nicht mehr die Entscheidung darüber überlassen, worauf Jennifer scharfstellte.Denn vielleicht gab es nicht den einen richtigen Fokus für alle Menschen.Victoria durfte ihren haben.Anna ihren.Und Jennifer ihren.Aber für Jennifers Leben musste Jennifers eigener Blick derjenige sein, dem sie zuerst vertraute.
Neuer Fokus, fremdes Gefühl
In den nächsten Tagen merkte Jennifer, dass eine Erkenntnis leichter war als das Leben mit ihr.Manchmal griff sie nach ihrem Handy, weil sie Victoria etwas schicken wollte.Einmal war es ein Foto von einem Regentropfen, der genau an der Spitze eines roten Blattes hing.Jennifer hatte schon auf Victorias Namen getippt.Dann hielt sie inne.Nicht, weil sie Victoria das Bild nicht zeigen durfte.Das war es nicht.Sie wusste nur plötzlich nicht mehr, wie ihre Freundschaft jetzt funktionierte.Früher hätte sie das Bild geschickt.Victoria hätte vermutlich innerhalb von Sekunden geantwortet.Das ist SO schön!Vielleicht hätte sie Jennifer angerufen.Vielleicht hätten sie eine halbe Stunde über etwas geredet, das mit dem Regentropfen überhaupt nichts mehr zu tun hatte.Jennifer vermisste das.Sie legte das Handy weg.Zehn Minuten später nahm sie es wieder.Dann schickte sie das Foto doch.
Gerade gesehen.
Die Antwort kam wenige Minuten später.
Oh wow. ❤️ Das ist wunderschön.
Jennifer sah auf die Nachricht.Und da war sie wieder.Diese Wärme.Nur für einen Augenblick.Fast wie früher.Jennifer spürte, wie sehr sie sich danach sehnte, einfach hineinzusinken.Dann kam eine zweite Nachricht.
Übrigens, ich wollte dich noch etwas wegen Anna fragen.
Jennifer starrte auf den Bildschirm.Da war nichts Bedrohliches an diesem Satz.Vielleicht wollte Victoria tatsächlich nur etwas fragen.Jennifer wusste es nicht.Und genau das war neu.Früher hätte sie die Lücke sofort gefüllt.Jetzt nicht.
Was möchtest du wissen?
schrieb sie.Victoria tippte.
Hat sie irgendwas zu dir über mich gesagt?
Jennifer las die Frage zweimal.
Nein.
Die drei Punkte erschienen wieder.
Ganz sicher? Sie ist in letzter Zeit irgendwie komisch zu mir.
Jennifers Finger lagen auf der Tastatur.Da war sofort der vertraute Impuls.- Was ist passiert?Sie hätte nur diese drei Wörter schreiben müssen.Früher hätte sie es getan.Vielleicht hätte Victoria erzählt.Jennifer hätte zugehört.Sie hätte nachgefragt.Vielleicht hätte sie versucht zu vermitteln.Vielleicht hätte sie Victoria beruhigt.Und irgendwann hätte sie wieder etwas über Anna gewusst, ohne mit Anna gesprochen zu haben.Jennifer löschte die drei Wörter, die sie bereits getippt hatte.Dann schrieb sie:
Wenn du das Gefühl hast, dass zwischen euch etwas nicht stimmt, solltest du sie vielleicht selbst fragen.
Lange kam nichts.Dann:
Okay.
Nur das.Jennifer legte das Handy hin.Es fühlte sich nicht gut an.Schon wieder nicht.Sie hatte niemanden verletzt.Sie hatte nichts Unfreundliches geschrieben.Und trotzdem fühlte es sich an, als hätte sie jemandem eine Tür vor der Nase zugemacht.Vielleicht, dachte Jennifer, fühlten sich Grenzen manchmal deshalb so falsch an, weil man so lange keine gehabt hatte.
Meine Kamera, mein Auslöser
Ein paar Tage später sah sie Anna.Allein.Nicht geplant.Jennifer kam gerade aus einem Fotoladen, als Anna auf der anderen Straßenseite stand und versuchte, mit einer Papiertüte, ihrer Kamera und einem viel zu großen Kaffeebecher gleichzeitig eine Tür zu öffnen.Jennifer musste lachen.„Warte!“Anna sah auf.„Oh! Hilfe wäre tatsächlich angemessen.“Jennifer nahm ihr den Kaffee ab.„Du könntest auch einfach zweimal gehen.“Anna sah sie ernst an.„Und meinen Ruf als organisatorisches Genie ruinieren?“Jennifer lachte.Anna auch.Für einen Moment war alles leicht.Dann gingen sie zusammen ein Stück.Sie redeten über Objektive.Über einen gebrauchten Filter, den Anna gekauft hatte.Über eine Ausstellung, die Jennifer besuchen wollte.Ganz normale Dinge.Und Jennifer merkte, wie sehr sie jedes Wort beobachtete.War das jetzt gereizt?Hat Anna das komisch gemeint?Warum hat sie gerade so geguckt?Jennifer blieb innerlich stehen.Nein.Das war nicht selbst hinsehen.Das war überprüfen.Sie hatte sich vorgenommen, Anna nicht mehr durch Victorias Blick zu betrachten – und nun war sie dabei, Anna unter ein Mikroskop zu legen.Auch das war nicht ihr eigener Fokus.Jennifer atmete aus.Anna bemerkte es.„Alles okay?“Da war diese Frage.- Alles okay?Jennifer erinnerte sich plötzlich daran, dass Anna sie das schon einmal gefragt hatte.Damals hatte Jennifer gesagt:- Ja, alles gut.Obwohl längst etwas zwischen ihnen gestanden hatte, von dem Anna nichts wusste.„Nein“, sagte Jennifer diesmal.Anna blieb stehen.Jennifer ebenfalls.„Also … doch. Irgendwie.“Anna hob eine Augenbraue.„Das klingt überzeugend.“Jennifer lächelte kurz.Dann war das Lächeln weg.„Anna, ich muss mit dir reden.“Anna sah sie an.Nicht erschrocken.Eher aufmerksam.„Okay.“Jennifer spürte sofort den Wunsch, es irgendwo anders zu tun.Nicht hier.Nicht heute.Vielleicht irgendwann, wenn sie die richtigen Worte gefunden hatte.Aber vermutlich gab es keine richtigen Worte.„Nicht zwischen Tür und Angel“, sagte Anna. „Kaffee?“Jennifer nickte.
Sie fanden ein kleines Café.Anna stellte ihre Tüte unter den Tisch und legte die Kamera auf den freien Stuhl neben sich.Jennifer bemerkte das.Ihre eigene Kamera lag ebenfalls dort.Zwei Kameras.Zwei Menschen.Zwei Blickwinkel.Jennifer hätte beinahe über die Ironie gelacht.Tat es aber nicht.Anna wartete.„Also?“Jennifer strich mit dem Daumen über den Rand ihrer Tasse.„Ich habe über dich gesprochen.“Anna sagte nichts.Jennifer hob den Blick.„Mit anderen.“Noch immer nichts.„Über Sachen, die mich eigentlich nichts angingen. Und über Situationen, bei denen ich teilweise nicht einmal wusste, was wirklich passiert war.“Anna sah sie lange an.„Okay.“Dieses Okay war schlimmer als Wut.Jennifer schluckte.„Und ich glaube, ich habe irgendwann angefangen, Dinge über dich zu glauben, weil …“Da war es.Der Satz stand schon bereit.Weil Victoria mir immer wieder …Jennifer spürte beinahe körperlich, wie sehr sie ihn sagen wollte.Victoria hat mir erzählt …Victoria hat mich glauben lassen …Victoria hat immer wieder …Und Jennifer hielt inne.Nicht, weil diese Dinge unwahr waren.Sondern weil sie plötzlich begriff, was sie gerade tat.Sie wollte erklären, warum sie gehandelt hatte, wie sie gehandelt hatte.Das durfte sie.Aber wenn ihre Erklärung dazu führte, dass am Ende wieder Victoria diejenige war, die Jennifers Handlungen bestimmte, dann hatte Jennifer etwas Entscheidendes noch immer nicht verstanden.Wenn Victoria sogar dafür verantwortlich sein sollte, was Jennifer selbst getan hatte, dann hielt Victoria noch immer die Kamera.Jennifer sah auf ihre Hände.Nein.Die Kamera wollte sie zurück.Ganz.Nicht nur für ihren Blick.Nicht nur für ihre Entscheidungen.Auch für ihre Fehler.Wenn die Kamera bei ihr blieb, konnte sie hinterher nicht so tun, als hätte jemand anderes den Auslöser gedrückt.Jennifer hob den Kopf.„Ich habe mir Dinge über dich erzählen lassen“, sagte sie.Anna schwieg.„Und ich habe vieles davon geglaubt.“Sie musste kurz aufhören.„Aber weitergetragen habe ich es.“Jennifer schluckte.„Ich.“Anna sah sie an.Jennifer hielt ihren Blick aus.„Das tut mir leid.“Lange sagte Anna nichts.Dann sah sie aus dem Fenster.Menschen gingen vorbei.Ein Fahrrad.Eine Frau mit einem Kinderwagen.Ein Mann mit einem Hund, der an jeder Laterne stehen bleiben wollte.Das Leben draußen ging einfach weiter.Jennifer hätte alles dafür gegeben, wenn Anna endlich etwas gesagt hätte.Gleichzeitig wusste sie, dass sie kein Recht darauf hatte, Anna die Geschwindigkeit ihrer Antwort vorzuschreiben.Schließlich drehte Anna sich wieder zu ihr.„Weißt du, was das Schlimmste war?“Jennifer schüttelte den Kopf.„Dass ich irgendwann gemerkt habe, dass sich etwas verändert hat.“Jennifer sagte nichts.„Ich wusste nur nicht, was.“Anna strich über ihre Kaffeetasse.„Leute haben anders reagiert. Gespräche waren plötzlich vorbei, wenn ich dazukam. Manchmal hatte ich das Gefühl, irgendeinen Witz verpasst zu haben, den alle außer mir kannten.“Jennifer spürte, wie ihr die Kehle eng wurde.„Und dann habe ich mich gefragt, ob ich mir das einbilde.“Der Satz traf Jennifer so hart, dass sie für einen Moment kaum atmen konnte.- Ob ich mir das einbilde.Anna hatte ebenfalls begonnen, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.Nur von der anderen Seite.„Anna …“„Lass mich kurz.“Jennifer verstummte.Anna sah sie an.„Ich glaube dir, dass du mir nicht wehtun wolltest.“Jennifer spürte die Tränen schon, bevor Anna weitersprach.„Aber du hast es getan.“Da waren sie.Die Worte.Und sofort kamen Jennifers Antworten.Ich wusste es doch nicht.Ich wollte doch nur helfen.Victoria hatte mir erzählt …Jennifer ließ keinen davon heraus.Sie nickte.„Ja.“Mehr nicht.Anna sah sie lange an.Und Jennifer wusste nicht, was jetzt kommen würde.Vielleicht Vergebung.Vielleicht Wut.Vielleicht gar nichts.Aber zum ersten Mal versuchte sie nicht, den Ausschnitt zu bestimmen, den Anna von ihr sehen sollte.Sie ließ das ganze Bild stehen.Auch den Riss.
Und Anna sagte nichts.Nicht sofort.Jennifer ließ die Hände um ihre Tasse liegen. Sie wagte kaum, sich zu bewegen.Ein Teil von ihr wartete auf etwas.Auf einen Satz, der die Spannung löste.Ist schon okay.Ich verstehe das.Vergiss es.Irgendetwas, das aus diesem schmerzhaften Moment einen abgeschlossenen machen würde.Aber Anna sagte keinen dieser Sätze.Stattdessen fragte sie irgendwann:„Wie viel?“Jennifer sah sie an.„Was?“„Wie viel hast du erzählt?“Jennifer spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.Sie hätte gern gesagt: Nicht viel.Vielleicht stimmte das sogar, wenn man nur die Anzahl der Gespräche zählte.Aber plötzlich erschien ihr diese Antwort feige.„Ich weiß es nicht genau.“Anna blickte auf.„Du weißt es nicht?“„Nein.“Jennifer schüttelte den Kopf.„Und das ist wahrscheinlich schon Teil des Problems.“Anna schwieg.„Manchmal waren es nur Bemerkungen. Manchmal habe ich etwas bestätigt. Manchmal habe ich etwas weitererzählt. Und manchmal …“Jennifer musste schlucken.„… habe ich wahrscheinlich nur so reagiert, dass andere gemerkt haben, was ich über dich dachte.“Anna sah aus dem Fenster.Jennifer dachte an all die kleinen Dinge, die sich nicht in Chatverläufen finden ließen.Ein Blick.Ein kurzes Lachen.Ein Schweigen.Das Nicht-Einladen.Das Wechseln eines Themas.Vielleicht brauchte man gar keine großen Geschichten, um das Bild eines Menschen zu verändern.Manchmal genügten viele kleine Ausschnitte.„Ich kann dir nicht einmal genau sagen, wo überall etwas von mir hängen geblieben ist“, sagte Jennifer leise.Anna nickte.„Das ist ziemlich beschissen.“Jennifer zuckte zusammen.Nicht, weil Anna laut geworden wäre.Im Gegenteil.Sie hatte es ganz ruhig gesagt.„Ja.“Anna sah sie an.„Hör auf, immer nur Ja zu sagen.“Jennifer blinzelte.Anna fuhr sich durch die Haare.„Entschuldige. Das war gerade gemein.“„Nein.“„Doch.“Anna atmete hörbar aus.„Ich bin sauer.“„Das darfst du.“Anna verzog das Gesicht.„Und sag mir bitte auch nicht, was ich darf.“Jennifer verstummte.Dann nickte sie.Fast hätte sie wieder Ja gesagt.Anna bemerkte es.Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte etwas um ihren Mund.Kein richtiges Lächeln.Aber fast.Dann war es wieder weg.„Ich weiß gerade einfach nicht, was ich mit deiner Entschuldigung machen soll“, sagte sie.Jennifer sah sie an.„Du musst gar nichts damit machen.“Anna schwieg.„Ich wollte sie dir nicht geben, damit du mir sagst, dass alles wieder gut ist.“Das war schwer auszusprechen.Weil ein Teil von Jennifer genau das wollte.Natürlich wollte sie es.Sie wollte, dass Anna ihr glaubte.Sie wollte, dass Anna verstand, wie es dazu gekommen war.Sie wollte, dass Anna sah, dass Jennifer kein schlechter Mensch war.Sie wollte Vergebung.Und plötzlich begriff sie, dass auch darin wieder der Versuch steckte, den Ausschnitt zu bestimmen.Bitte sieh mich so.Jennifer senkte den Blick.„Ich glaube, ich möchte natürlich, dass du mir irgendwann verzeihst“, sagte sie. „Aber das ist dein Teil. Nicht meiner.“Anna sah sie lange an.„Und was ist deiner?“Jennifer dachte nach.Diesmal antwortete sie nicht schnell.„Dafür zu sorgen, dass es bei mir aufhört.“Anna sagte nichts.Jennifer auch nicht.
Als sie später das Café verließen, umarmten sie sich nicht.Das tat weh.Früher hätte Jennifer vermutlich versucht, diesen Moment herzustellen.Ein Schritt auf Anna zu.Offene Arme.Vielleicht ein leises Komm her.Etwas, das ihr gezeigt hätte: Wir sind noch wir.Heute tat sie es nicht.Anna zog ihre Jacke an.Jennifer nahm ihre Kamera vom Stuhl.„Danke, dass du mir zugehört hast“, sagte sie.Anna sah sie an.„Ich weiß noch nicht, was jetzt ist.“Jennifer spürte wieder dieses Loch in sich.„Okay.“Diesmal war das Okay richtig.Anna nickte.Dann ging sie.Jennifer blieb vor dem Café stehen und sah ihr nach.Sie wollte ihr hinterherlaufen.Nicht körperlich.Aber mit Worten.Mit Erklärungen.Mit all den Dingen, die Anna vielleicht dazu bringen würden, sich noch einmal umzudrehen.Jennifer tat nichts davon.Anna durfte gehen.Auch das war eine Grenze.Nicht Jennifers.Annas.Und wenn Jennifer verlangte, dass ihre eigenen Grenzen respektiert wurden, musste sie lernen, auch die auszuhalten, die andere ihr setzten.
Mehr als eine Wahrheit
Auf dem Heimweg weinte Jennifer.Nicht heftig.Die Tränen liefen einfach.Sie wischte sie an einer roten Ampel weg, und zwei Straßen später waren neue da.Victoria fehlte ihr.Anna fehlte ihr.Und für einen Moment hatte Jennifer das Gefühl, dass ihr am Ende ihrer großen Erkenntnis vor allem eines geblieben war:Leere.Früher hatte es die drei gegeben.Die Herrenhaus-Mädels.Das Foto auf der Treppe.Die spontanen Touren.Kaffee.Kuchen.Nachrichten.Victorias große Begeisterung.Annas trockene Sprüche.Drei Kameras auf einem Tisch.Drei Frauen, die sich gegenseitig Bilder geschickt hatten, weil sie glaubten, etwas Schönes gefunden zu haben.Und jetzt?Jennifer parkte vor ihrer Wohnung und blieb im Auto sitzen.Sie nahm ihr Handy.Öffnete die Gruppe.Die Herrenhaus-Mädels.Das Foto oben war immer noch dasselbe.Anna in der Mitte, weil Victoria sie damals dorthin gezogen hatte.Victoria mit weit geöffnetem Mund lachend.Jennifer halb zu Anna gedreht.Alle drei glücklich.Jennifer vergrößerte das Bild.Sie betrachtete Victorias Gesicht.Dann Annas.Dann ihr eigenes.Es wäre leicht gewesen, dieses Foto jetzt umzudeuten.Da wusste ich noch nicht, wie Victoria wirklich ist.Aber der Gedanke fühlte sich falsch an.Jennifer wusste auch heute nicht, wie Victoria „wirklich“ war.Vielleicht wusste kein Mensch vollständig, wie ein anderer wirklich war.Victoria hatte an diesem Tag gelacht.Jennifer auch.Anna auch.Das Foto log nicht.Aber es erzählte eben auch nicht alles, was danach gekommen war.Jennifer strich mit dem Daumen über das Display.„Du darfst schön bleiben“, flüsterte sie.Das überraschte sie selbst.Aber genau das meinte sie.Die Erinnerung durfte schön bleiben.Sie musste sie nicht zerstören, um weiterzugehen.
Am Abend nahm Jennifer ihre Kamera aus der Tasche.Sie setzte sich an den Computer und öffnete den Ordner vom Herrenhaus.Sie wusste inzwischen genau, welches Bild sie suchte.Der Anhänger.Ihr Foto.Warm.Honigfarbenes Licht.Die Kette leicht verschoben.Der Riss sichtbar.Nicht als Mittelpunkt.Aber da.Jennifer betrachtete das Bild lange.Dann öffnete sie Annas Foto daneben.Dunkler.Staub.Der Riss beinahe das Erste, was man sah.Danach Victorias.Glanz.Spiegel.Licht.Der Riss fast verschwunden.Drei Bilder.Jennifer lehnte sich zurück.Früher hatte sie wissen wollen, welches davon dem Anhänger am gerechtesten wurde.Heute erschien ihr diese Frage beinahe seltsam.Vielleicht keines.Vielleicht alle drei.Vielleicht konnte ein einzelnes Foto einem ganzen Gegenstand genauso wenig gerecht werden wie eine einzelne Geschichte einem ganzen Menschen.Jennifer dachte an Anna.An ihren Satz:- Ich bin sauer.Und daran, wie schnell Jennifer geantwortet hatte:- Das darfst du.Als müsste selbst Annas Wut erst von Jennifer genehmigt werden.Sie schloss die Augen.Wie viel gab es noch zu lernen.Und zum ersten Mal erschreckte sie dieser Gedanke nicht.Sie musste nicht heute fertig sein.Sie musste nicht morgen alles richtig machen.Sie durfte sich irren.Sie durfte etwas bemerken.Sie durfte neu fokussieren.
Annäherung
Drei Tage hörte Jennifer nichts von Anna.Am vierten kam eine Nachricht.Jennifer sah den Namen und ihr Herz schlug sofort schneller.Sie öffnete sie.Ein Foto.Mehr nicht.Eine alte Backsteinmauer.Mitten darin ein Riss.Und aus diesem Riss wuchs eine winzige gelbe Blume.Jennifer starrte auf das Bild.Dann erschien eine zweite Nachricht.
Bevor du jetzt irgendwas Tiefgründiges hineininterpretierst: Ich fand einfach die Blume schön.
Jennifer lachte.Mitten durch die Tränen.Sie tippte:
Zu spät. Ich hatte bereits eine zwölfseitige Analyse vorbereitet.
Drei Punkte.
Natürlich hattest du das.
Jennifer lächelte.Ihre Finger lagen auf der Tastatur.So vieles wollte sie schreiben.Sind wir wieder gut?Hast du mir verziehen?Treffen wir uns?Sie schrieb nichts davon.Stattdessen:
Schönes Bild.
Anna antwortete:
Danke.
Das war alles.Und diesmal versuchte Jennifer nicht, aus diesem kleinen Austausch mehr zu machen, als er war.Aber sie machte ihn auch nicht kleiner.Anna hatte ihr ein Foto geschickt.Eine kleine gelbe Blume.Das durfte genügen.
Nähe ohne Übernahme
Eine Woche später traf sich die Fotogruppe.Jennifer war früh da.Victoria ebenfalls.Als Jennifer den Raum betrat, blickte Victoria auf.Für einen kurzen Moment war da die alte Vertrautheit.Jennifer spürte sie sofort.„Hey“, sagte Victoria.„Hey.“Victoria deutete auf den Stuhl neben sich.„Ich hab dir einen Platz freigehalten.“Jennifers Herz zog sich zusammen.So etwas hatte Victoria immer gemacht.Kleine Dinge.Warme Dinge.Dinge, die Jennifer das Gefühl gegeben hatten, willkommen zu sein.„Danke.“Sie setzte sich.Victoria schob ihr einen Kaffee hin.„Ohne Zucker.“Jennifer sah die Tasse an.Natürlich wusste Victoria das noch.„Danke.“Und Jennifer begriff etwas, das vielleicht noch schwieriger war als alles andere:Grenzen wurden nicht nur dann gebraucht, wenn jemand gerade grausam war.Manchmal brauchte man sie bei Menschen, die einem Kaffee mitbrachten.Bei Menschen, die sich an Kleinigkeiten erinnerten.Bei Menschen, die man vermisste.Vielleicht waren genau das die Grenzen, die am schwersten zu halten waren.Victoria zeigte ihr ein Foto auf dem Handy.„Gestern.“Ein verlassenes Gewächshaus im Abendlicht.Es war wunderschön.Jennifer beugte sich vor.„Das ist richtig gut.“Victorias Gesicht hellte sich auf.„Findest du?“„Ja. Besonders das Licht hier.“Jennifer zeigte auf die Scheibe.Und für einige Minuten sprachen sie einfach über Fotografie.Es fühlte sich gut an.Erschreckend gut.Jennifer musste sich nicht dagegen wehren.Sie durfte diesen Moment mögen.Dann öffnete sich die Tür.Anna kam herein.Victoria verstummte mitten im Satz.Nur ganz kurz.Vielleicht eine Sekunde.Dann lächelte sie.„Da ist ja unser Sonnenschein.“Anna zog eine Grimasse.„Zwölf Minuten zu früh. Schreib das bitte irgendwo auf.“Jennifer musste lachen.Victoria auch.Anna sah zu Jennifer.Nur einen Augenblick.Dann lächelte sie ebenfalls.Und setzte sich auf die andere Seite des Tisches.Nicht neben Jennifer.Das tat weh.Jennifer ließ es weh tun.
Später zeigte einer der Männer aus der Gruppe Fotos von einem alten Bahnhof.Anna stand etwas abseits und unterhielt sich mit einer anderen Frau.Victoria beugte sich zu Jennifer.„Hat sie dir eigentlich erzählt, was—“Jennifer spürte es sofort.Dieser alte Sog.Diese winzige Öffnung.- Was?Nur ein Wort.Mehr wäre nicht nötig.Jennifer sah Victoria an.Victoria wartete.Jennifer dachte an Anna im Café.- Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob ich mir das einbilde.Dann dachte sie an sich selbst.An die Nachrichten.An die Gespräche.An ihren eigenen Auslöser.„Nein“, sagte Jennifer.Victoria runzelte die Stirn.„Ich habe doch noch gar nicht gesagt, was.“„Ich weiß.“Jennifer sprach ruhig.„Wenn es etwas über Anna ist, das sie dir persönlich erzählt hat oder das zwischen euch passiert ist, dann möchte ich nicht dazwischenstehen.“Victoria lehnte sich zurück.„Jennifer, jetzt wird es langsam wirklich anstrengend.“Da war er.Der Schmerz.Sofort.Jennifer spürte ihn wie einen Stich.Früher hätte dieser Satz gereicht.Sie hätte erklärt.Beschwichtigt.Vielleicht sogar gelacht.- Ach Quatsch, erzähl schon.Heute nicht.„Das kann sein“, sagte sie.Victoria sah sie an.„Du bist überhaupt nicht mehr wie früher.“Jennifer schluckte.Dieser Satz traf noch tiefer.Denn ein Teil von ihr wollte antworten:- Doch.- Bitte.- Ich bin doch noch ich.Dann erinnerte sie sich an etwas.Vielleicht war sie tatsächlich nicht mehr genau wie früher.Menschen veränderten sich.Sie lernten.Sie machten Fehler.Sie stellten neu scharf.„Nein“, sagte Jennifer leise. „Wahrscheinlich nicht.“Victoria schüttelte den Kopf.„Schade.“Dann stand sie auf und ging zu den anderen.Jennifer blieb sitzen.Das Wort hing noch lange in ihr.- Schade.Und wieder kam diese Leere.Diese Sehnsucht.Dieser beinahe körperliche Wunsch, Victoria hinterherzugehen und alles wieder weich zu machen.Jennifer tat es nicht.Nicht weil sie Victoria bestrafen wollte.Nicht weil sie recht behalten musste.Sondern weil sie inzwischen wusste:Eine Grenze war keine Strafe für den anderen.Sie war eine Entscheidung darüber, wo Jennifer selbst aufhörte.
„Alles okay?“Jennifer sah auf.Anna stand vor ihr.Wieder diese Frage.Jennifer lächelte traurig.„Nicht ganz.“Anna nickte.Sie fragte nicht weiter.Dann hielt sie Jennifer ihre Kamera hin.„Kannst du mal gucken? Irgendwas stimmt mit dem Fokus nicht.“Jennifer nahm sie.Sah durch den Sucher.Drehte am Objektiv.Probierte eine Einstellung.Noch eine.Dann reichte sie Anna die Kamera zurück.„Versuch jetzt.“Anna hob sie.Sah hindurch.„Ah.“Sie stellte selbst noch ein kleines Stück nach.„Jetzt.“Jennifer sah ihre Finger am Objektiv.Eine winzige Drehung.Annas Drehung.Nicht Jennifers.Und plötzlich verstand Jennifer etwas so Einfaches, dass sie beinahe lächeln musste.Sie konnte Anna helfen.Sie konnte ihr zeigen, wo eine Einstellung war.Sie konnte sagen, was sie selbst sah.Aber scharfstellen musste Anna für sich.Genau wie Victoria.Genau wie Jennifer.Vielleicht war das die Grenze zwischen Nähe und Macht.Nicht, niemandem mehr etwas zu zeigen.Sondern zu wissen, wann man die Kamera wieder zurückgab.
Anna sah noch immer durch den Sucher.Sie drehte ein winziges Stück zurück.„Nee.“Wieder nach vorn.„So.“Klick.Jennifer lächelte.„Besser?“Anna sah auf das Display.„Viel.“Dann hielt sie Jennifer die Kamera hin.„Guck.“Jennifer nahm sie.Auf dem Bild war die alte Bahnhofsuhr am anderen Ende des Raumes zu sehen. Das Zifferblatt scharf, der Vordergrund weich verschwommen. Durch eine zerbrochene Scheibe fiel Licht auf die Zeiger.„Schön“, sagte Jennifer.Anna nahm die Kamera zurück.„Finde ich auch.“Kein:Findest du wirklich?Kein:Soll ich es anders machen?Anna hatte gefragt, weil mit ihrem Fokus etwas nicht gestimmt hatte.Jennifer hatte geholfen.Und danach hatte Anna selbst entschieden, wie ihr Bild aussehen sollte.So einfach konnte Nähe sein.Vielleicht war Hilfe genau das.Nicht die Kamera des anderen zu nehmen und das Bild für ihn zu machen.Sondern sie zurückzugeben.
Gut gemeint…
Auf der Heimfahrt dachte Jennifer wieder an das Gespräch im Café.An Annas Wut.An ihren eigenen Satz:- Das darfst du.Jennifer verzog das Gesicht.Je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher verstand sie, warum Anna darauf so gereizt reagiert hatte.Jennifer hatte es gut gemeint.Natürlich hatte sie es gut gemeint.Aber selbst in diesem Moment, in dem sie Verantwortung übernehmen wollte, hatte sie Anna beinahe wieder erklärt, welches Gefühl für sie in Ordnung war.Du darfst sauer sein.Als läge die Erlaubnis bei Jennifer.Es war eine kleine Formulierung gewesen.Nichts Grausames.Nichts Manipulatives.Und trotzdem war Anna sofort darüber gestolpert.Vielleicht, weil sie in den vergangenen Monaten oft genug erlebt hatte, dass andere Menschen ihre Reaktionen bewerteten.Zu empfindlich.Zu heftig.Zu schnell beleidigt.Und nun saß Jennifer vor ihr und sagte ausgerechnet:- Das darfst du.Jennifer verstand plötzlich etwas, das ihr unangenehm war.Man konnte die Kamera eines anderen auch mit den besten Absichten in die Hand nehmen.Man konnte helfen wollen.Trösten wollen.Beschützen wollen.Man konnte überzeugt sein, genau zu wissen, was dem anderen guttat.Und trotzdem eine Grenze überschreiten.Die Absicht entschied nicht allein darüber, was beim anderen ankam.Jennifer dachte an Victoria.Dann stoppte sie sich.Nicht, weil sie nicht an Victoria denken durfte.Sondern weil sie gerade etwas über sich selbst verstanden hatte.Sie musste nicht jedes eigene Verhalten mit Victoria vergleichen.Auch das wäre wieder eine Art gewesen, Victoria zum Maßstab zu machen.Jennifer wollte lernen, sich selbst anzusehen.Nicht nur im Vergleich zu jemand anderem.
Zu Hause stellte sie ihre Kameratasche auf den Küchentisch.Als sie das Objektiv herausnahm, fiel ihr Blick auf den kleinen Schalter an der Seite.AF.MF.Autofokus.Manueller Fokus.Jennifer musste lächeln.Manchmal war es wunderbar, wenn die Kamera selbst scharfstellte.Schnell.Bequem.Meistens zuverlässig.Und manchmal entschied man sich bewusst dafür, es selbst zu tun.Nicht weil der Autofokus schlecht war.Sondern weil die Kamera nicht wissen konnte, was einem im Bild wichtig war.Jennifer strich mit dem Finger über den Schalter.Vielleicht war Vertrauen ähnlich.Es wäre Unsinn, von nun an jeden Satz eines anderen Menschen zu prüfen.Jede Freundlichkeit zu hinterfragen.Hinter jeder Bemerkung eine Absicht zu suchen.So wollte Jennifer nicht leben.Sie wollte Victoria nicht durch Misstrauen ersetzen.Sie wollte nicht aus einer Frau, die zu viel geglaubt hatte, eine Frau werden, die niemandem mehr glaubte.Das wäre keine Freiheit.Nur ein anderes Gefängnis.Jennifer setzte das Objektiv wieder auf die Kamera.Sie durfte Menschen vertrauen.Sie durfte sich auf jemanden verlassen.Sie durfte sich überzeugen lassen.Sie durfte sogar sagen:- Da hast du recht. So habe ich das noch gar nicht gesehen.All das gehörte zu Nähe.Aber wenn etwas in ihr leise sagte:- Moment.Dann wollte sie dieses Moment nicht mehr übergehen.Nicht sofort glauben, dass sie sich täuschte.Nicht sofort nach jemandem suchen, der ihr erklärte, was sie eigentlich gesehen, gedacht oder gefühlt hatte.Dann durfte sie anhalten.Hinsehen.Neu fokussieren.- Vielleicht siehst du es anders. Aber ich habe das Recht, meinem eigenen Erleben zu vertrauen.Jennifer sagte den Satz nicht laut.Aber sie blieb bei ihm.
Nicht alles braucht eine Erklärung
In den nächsten Wochen veränderte sich die Gruppe.Nicht plötzlich.Es gab keinen großen Knall.Keine Seite, auf die sich alle stellten.Keine Wahrheit, die aufgedeckt wurde und danach für jeden sichtbar auf dem Tisch lag.Es waren Kleinigkeiten.Victoria setzte sich häufiger zu anderen.Jennifer bemerkte es.Natürlich bemerkte sie es.Manchmal tat es weh.Besonders wenn sie Victoria lachen hörte.Dieses große, ansteckende Lachen.Dann erinnerte Jennifer sich daran, wie oft sie selbst der Grund dafür gewesen war.Oder Victoria für ihres.Einmal sah sie, wie Victoria einer neuen Frau aus der Gruppe begeistert deren Kameraeinstellung erklärte.„Warte, guck mal. Wenn du hier ein bisschen runtergehst … siehst du das Licht?“Jennifer erstarrte.- Ich habe dir nur gezeigt, wo du hinschauen könntest.Das Herrenhaus.Das Treppengeländer.Ihr erster gemeinsamer Tag.Für einen Moment war die Sehnsucht so stark, dass Jennifer beinahe zu ihnen gegangen wäre.Nicht, weil etwas Bedrohliches geschah.Im Gegenteil.Victoria war freundlich.Hilfsbereit.Begeistert.Genau die Victoria, die Jennifer so gern gehabt hatte.Vielleicht immer noch gern hatte.Jennifer sah eine Weile zu.Dann ging sie weiter.Sie musste die neue Frau nicht warnen.Sie musste Victoria nicht beobachten.Sie musste nicht herausfinden, ob sich etwas wiederholte.Das war nicht ihre Aufgabe.Auch das war eine Grenze.
Anna dagegen blieb vorsichtig.Sie schickte Jennifer manchmal ein Foto.Manchmal antwortete sie auf eine Nachricht.Manchmal saßen sie bei der Fotogruppe nebeneinander.Manchmal nicht.Jennifer versuchte, daraus keine Fortschrittsanzeige zu machen.Heute hat sie mir drei Nachrichten geschickt – es wird besser.Heute hat sie kaum mit mir gesprochen – sie ist noch sauer.Sie bemerkte, wie schnell ihr Kopf daraus wieder eine Geschichte bauen wollte.Und dann erinnerte sie sich:Anna war kein Bild, das Jennifer fertig entwickeln musste.Sie war ein Mensch.Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag.Vielleicht war sie müde.Vielleicht wollte sie gerade lieber mit jemand anderem reden.Vielleicht war sie tatsächlich noch verletzt.Jennifer musste nicht wissen, welche Erklärung stimmte.Wenn es wichtig war, konnte sie fragen.Und wenn Anna nicht darüber reden wollte, durfte die Antwort auch einfach offenbleiben.Das auszuhalten war schwieriger, als Jennifer erwartet hatte.
Anders gut…
Eines Abends schrieb Anna:
Hast du Samstag schon was vor?
Jennifer starrte auf die Nachricht.Ihr Herz machte einen kleinen Sprung.Sofort wollte sie antworten.- Nein!!!Sie zwang sich nicht, cool zu wirken.Warum auch?
Noch nichts. Warum?Alte Ziegelei. Ich wollte da fotografieren.
Dann:
Wenn du Lust hast.
Jennifer lächelte.
Sehr gern.
Eine Minute später:
Aber ich fahre.
Jennifer lachte.
Warum?Weil du beim letzten Mal behauptet hast, die Abkürzung zu kennen.Ich KANNTE die Abkürzung.Wir standen auf einem Feld.Das Feld war kürzer.Als was?
Jennifer überlegte.
Als der richtige Weg vermutlich.
Drei Punkte.
Samstag 9 Uhr.
Jennifer legte das Handy weg.Sie war glücklich.Und sofort kam der Wunsch:Vielleicht wird alles wieder wie früher.Jennifer spürte ihn.Sie ließ ihn da sein.Aber sie machte keine Zukunft daraus.Samstag war Samstag.Mehr wusste sie nicht.
Die alte Ziegelei lag am Rand eines kleinen Ortes.Rote Backsteine, zerbrochene Fenster, überwucherte Mauern.Anna war bereits da, als Jennifer ankam.„Du bist zu früh“, sagte Jennifer.Anna sah auf die Uhr.„Zwei Minuten.“„Ich möchte, dass das protokolliert wird.“„Ist bereits fotografisch dokumentiert.“Sie gingen hinein.Eine Weile sprachen sie kaum.Nicht unangenehm.Jennifer hatte vergessen, wie still Anna fotografieren konnte.Sie blieb stehen, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit fing.Eine Schraube im Mauerwerk.Moos auf einer alten Schiene.Eine einzelne blaue Glasscherbe zwischen roten Ziegeln.Jennifer beobachtete sie nicht.Sie fotografierte selbst.Irgendwann standen sie in einer großen Halle.Durch das teilweise eingestürzte Dach fiel Licht.Jennifer hob die Kamera.Anna ebenfalls.Klick.Klick.„Was hast du?“, fragte Anna.Jennifer zeigte ihr das Display.Lichtstrahlen zwischen den alten Balken.Anna nickte.„Schön.“„Du?“Anna zeigte ihres.Jennifer musste lachen.„Natürlich.“Anna hatte nicht das Dach fotografiert.Am unteren Rand einer Wand verlief eine Reihe winziger Handabdrücke im alten Staub.„Wie siehst du sowas?“Anna zuckte mit den Schultern.„Es liegt da.“Jennifer sah sie an.Anna bemerkte es.„Was?“„Nichts.“„Jennifer.“„Wirklich nichts.“Anna kniff die Augen zusammen.„Du guckst gerade tiefgründig.“„Entschuldigung.“„Lass das.“Jennifer lachte.Und Anna auch.Es war nur ein kleiner Moment.Aber er fühlte sich kostbar an.Nicht weil alles wieder war wie früher.Sondern weil es das nicht sein musste.
Annas Wunsch: handeln
Später saßen sie draußen auf einer niedrigen Mauer und tranken Kaffee.Anna sah auf ihre Kamera.„Ich bin übrigens immer noch sauer.“Jennifer spürte einen Stich.Diesmal antwortete sie nicht sofort.„Okay“, sagte sie schließlich.Anna sah zu ihr.„Das war besser.“Jennifer musste lachen.„Ich lerne.“„Offensichtlich.“Dann wurde Anna wieder ernst.„Aber ich bin nicht nur sauer.“Jennifer wartete.„Ich habe dich auch vermisst.“Jennifers Augen füllten sich sofort mit Tränen.„Scheiße“, murmelte sie und wischte sie weg.Anna grinste.„Sehr souverän.“„Halt die Klappe.“„Auch besser.“Jennifer lachte unter Tränen.Dann wurde sie still.„Ich habe dich auch vermisst.“Anna nickte.Mehr brauchte es nicht.Nach einer Weile sagte Jennifer:„Ich möchte dich etwas fragen.“„Mhm.“„Gibt es etwas, das ich tun kann? Wegen dem, was ich erzählt habe?“Anna dachte lange nach.„Nicht für mich.“Jennifer sah sie fragend an.„Du kannst nicht überall hingehen und erklären, dass ich eigentlich ganz anders bin.“Jennifer nickte langsam.„Das wäre ja wieder nur dein Bild von mir.“Der Satz traf.Nicht schmerzhaft.Klar.Anna nahm einen Schluck Kaffee.„Wenn du etwas erzählt hast, von dem du inzwischen weißt, dass du es nicht hättest erzählen sollen, dann stell es richtig.“Jennifer nickte.„Aber erzähl den Leuten nicht, wer ich wirklich bin.“Anna sah sie an.„Das weiß ich nämlich selbst manchmal nicht.“Jennifer lachte leise.„Fair.“Anna zuckte mit den Schultern.„Sag einfach, was du getan hast.“Jennifer sah auf ihre Hände.Da war sie wieder.Verantwortung.Nicht Annas Ruf reparieren.Nicht Victoria widerlegen.Nicht eine neue Geschichte über Anna verbreiten, diesmal eine gute.Sondern den eigenen Teil korrigieren.„Das kann ich.“Anna sah sie an.„Dann mach das.“
Jennifer tat es.Nicht mit einer Rundnachricht.Nicht mit einer großen Erklärung in der Fotogruppe.Sie ging dorthin zurück, wo sie selbst etwas hinterlassen hatte.Zu einzelnen Menschen.Zu einzelnen Gesprächen.Bei manchen war es einfach.„Ich habe dir damals etwas über Anna erzählt, das ich nicht hätte weitererzählen sollen.“Bei anderen schwerer.„Ich habe damals so getan, als wüsste ich, warum Anna sich so verhalten hat. Das wusste ich gar nicht.“Einmal sagte jemand:„Aber Victoria hat das doch auch erzählt.“Jennifer spürte, wie leicht es gewesen wäre.Da war die offene Tür.Sie hätte nur hindurchgehen müssen.- Ja. Genau. Victoria hat …Jennifer tat es nicht.„Mag sein“, sagte sie.„Aber ich rede gerade über das, was ich erzählt habe.“Der Satz fühlte sich ruhig an.Fast unspektakulär.Und genau deshalb richtig.Ein anderes Mal fragte jemand:„Hat Victoria dich damals so beeinflusst?“Jennifer schwieg.Die Antwort war kompliziert.„Sie hat meine Sicht beeinflusst“, sagte sie schließlich.„Aber was ich damit gemacht habe, war meine Verantwortung.“Als Jennifer später nach Hause fuhr, dachte sie lange über diesen Satz nach.Er fühlte sich nicht an wie eine Niederlage.Auch nicht wie Schuld.Eher wie etwas, das wieder an seinen richtigen Platz gerückt war.Victoria musste nicht kleiner werden, damit Jennifer größer werden konnte.Anna musste Jennifer nicht vergeben, damit Jennifer Verantwortung übernehmen konnte.Und Jennifer musste sich selbst nicht verurteilen, um anzuerkennen, dass sie jemanden verletzt hatte.Vielleicht war Verantwortung gar nicht das Gewicht, für das Jennifer sie immer gehalten hatte.Vielleicht bedeutete Verantwortung manchmal einfach:Das hier gehört zu mir.Mein Blick.Meine Entscheidung.Mein Fehler.Meine Möglichkeit, es künftig anders zu machen.
Neu sehen, neu fokussieren
Einige Tage später stand Jennifer allein an einem See.Das Wasser war fast glatt.Am gegenüberliegenden Ufer spiegelten sich Bäume.Sie hob ihre Kamera.Der Autofokus sprang auf einen Ast im Vordergrund.Jennifer drückte den Auslöser nicht.Sie versuchte es noch einmal.Wieder der Ast.Jennifer lächelte.Dann stellte sie auf manuell.Ihre Finger drehten langsam am Objektiv.Der Ast wurde weich.Das gegenüberliegende Ufer klar.Jennifer hielt inne.Sie hätte auch den Ast fotografieren können.Er war nicht falsch.Der Fokus der Kamera war nicht falsch gewesen.Er war nur nicht das, was Jennifer in diesem Moment zeigen wollte.Klick.Sie nahm die Kamera herunter.Vielleicht, dachte sie, musste sie sich gar nicht für den Rest ihres Lebens davor fürchten, noch einmal den falschen Fokus zu übernehmen.Sie würde sich wieder irren.Natürlich würde sie das.Sie würde Menschen falsch verstehen.Sie würde sich beeinflussen lassen.Sie würde vielleicht wieder zu schnell urteilen.Sie war ein Mensch.Aber sie wusste jetzt etwas, das sie vorher nicht gewusst hatte.Sie durfte jederzeit neu scharfstellen.Und sie brauchte niemandes Erlaubnis dafür.Jennifer sah auf ihr Foto.Dann musste sie an Victoria denken.Nicht wütend.Nicht einmal traurig.Einfach so.Und ein Gedanke kam ihr, der sich erstaunlich ruhig anfühlte:- Vielleicht siehst du es anders. Aber ich habe das Recht, meinem eigenen Erleben zu vertrauen.Victoria durfte ihr Bild behalten.Anna ihres.Jennifer ihres.Nähe bedeutete nicht, dass alle dasselbe sehen mussten.Vielleicht war Nähe, den eigenen Blick zeigen zu dürfen, ohne ihn zur absoluten Wahrheit zu erklären.
Jeder mit seinem Blick
Ein paar Wochen später saß Jennifer wieder mit der Fotogruppe zusammen.Es war einer dieser Abende, an denen mehr geredet als fotografiert wurde.Auf dem großen Tisch standen Kaffeetassen, halb leere Gläser und zwei Teller mit Kuchen, von denen längst niemand mehr wusste, wem welches Stück gehörte. Kameras lagen zwischen Handys und Jacken, und irgendwo am anderen Ende des Tisches versuchte jemand seit zehn Minuten zu erklären, warum sein neues Objektiv selbstverständlich eine notwendige Anschaffung und keinesfalls eine vollkommen übertriebene Ausgabe gewesen war.Jennifer hörte nur halb zu.Victoria saß schräg gegenüber.Sie trug ein dunkelblaues Oberteil und natürlich eine dieser ungewöhnlichen Sonnenbrillen im Haar, obwohl draußen längst die Straßenlaternen brannten.Sie erzählte gerade von einer alten Papierfabrik, die sie entdeckt hatte.„Ihr müsst diese Fenster sehen!“Sie zog ihr Handy hervor.Sofort rückten mehrere näher.„Warte, ich zeig euch das.“Victoria wischte durch ihre Bilder.„Hier. Das war kurz vor Sonnenuntergang.“„Wow.“„Krass.“„Wie hast du das Licht so hinbekommen?“Victoria strahlte.„Ich bin fast zwanzig Minuten auf dem Boden herumgerutscht.“Gelächter.„Das glaube ich dir sofort.“„Meine Hose war danach komplett hinüber.“Wieder lachten alle.Jennifer auch.Denn das Bild war wirklich großartig.Und Victoria war lustig.Lebendig.Begeisternd.Wenn sie über Fotografie sprach, konnte sie einen ganzen Tisch mitziehen.Jennifer sah ihr einen Moment zu.Noch vor einiger Zeit hätte Jennifer sich bei diesem Strahlen gefragt, was dahintersteckte.Hätte sich gefragt, ob es echt war.Ob Victoria gerade jemanden für sich gewann.Ob sie mit der Frau neben sich dasselbe machte wie damals mit Jennifer.Aber dieser Gedanke kam nicht mehr.Oder zumindest blieb er nicht.Das war nicht ihre Aufgabe.Victoria durfte sein, wer sie war.Und die anderen durften selbst entscheiden, was sie in ihr sahen.Jennifer musste niemanden retten.Sie musste niemanden warnen.Sie musste nicht beobachten, ob sich etwas wiederholte.Sie war verantwortlich für das, was sie tat.Nicht für das, was alle anderen vielleicht irgendwann tun würden.
Anna war an diesem Abend nicht gekommen.Sie hatte am Nachmittag in die Gruppe geschrieben:
Bin raus für heute. Mein Sofa hat mich emotional erpresst.
Darunter ein Foto ihrer Füße unter einer Decke.Jennifer hatte mit einem lachenden Smiley reagiert.Mehr nicht.Keine private Nachfrage.- Ist wirklich alles okay?Kein:- Bist du noch sauer?Kein Versuch, aus Annas Absage etwas herauszulesen.Anna wollte auf ihrem Sofa liegen.Also lag Anna auf ihrem Sofa.Jennifer hatte tatsächlich ein bisschen über sich selbst lachen müssen, als sie gemerkt hatte, wie befreiend eine so einfache Erklärung sein konnte.
Am Tisch war das Gespräch inzwischen weitergewandert.Eine der Frauen erzählte von einem Fotowettbewerb.Dann ging es um die nächste gemeinsame Tour.„Wir könnten zu den alten Bahnhallen“, sagte jemand.„Da war Anna doch letztens“, sagte eine andere.„Mit Jennifer.“Jennifer nickte.„Ja.“„Lohnt sich das?“„Auf jeden Fall.“„Anna hat bestimmt wieder irgendeinen rostigen Nagel fotografiert.“Ein paar Leute lachten.Jennifer ebenfalls.Denn vermutlich stimmte es sogar.„Einen Nagel nicht“, sagte sie. „Aber Handabdrücke im Staub, während ich das Dach fotografiert habe.“„Natürlich.“Wieder Gelächter.Es war freundlich.Jennifer spürte keinen Grund, etwas darin zu suchen, das nicht da war.Dann sagte eine Frau am anderen Ende des Tisches:„Apropos Anna … habt ihr eigentlich gehört, was bei der Ausstellung passiert sein soll?“Jennifer sah auf.Ein anderer schüttelte den Kopf.„Nee. Was denn?“Die Frau beugte sich ein wenig vor.„Also, ich weiß es auch nur von—“Jennifer spürte etwas.Keinen Schreck.Kein Ziehen im Bauch.Keinen inneren Kampf.Nur ein ruhiges:- Nein.„Ist Anna hier?“, fragte sie.Die Frau sah sie an.„Was?“„Anna. Ist sie hier?“„Nein.“Jennifer nickte.„Dann möchte ich es lieber von ihr hören, wenn sie es erzählen möchte.“Die Frau blinzelte.„Ich wollte doch nur sagen, was ich gehört habe.“„Das glaube ich dir.“Jennifer lächelte.Nicht entschuldigend.Nicht überlegen.Einfach freundlich.„Ich möchte es nur nicht wissen.“Für einen Augenblick war es still.Dann zuckte jemand mit den Schultern.„Okay.“Und damit hätte es vorbei sein können.Vielleicht wäre es früher auch vorbei gewesen.Aber die Frau neben Jennifer, die bisher kaum etwas gesagt hatte, sah von Jennifer zu der anderen.Dann legte sie ihr Handy auf den Tisch.„Eigentlich …“Sie hielt inne.Jennifer sah sie an.Die Frau wirkte, als hätte sie selbst noch nicht ganz entschieden, ob sie weitersprechen wollte.„Eigentlich kenne ich Anna kaum.“Niemand sagte etwas.„Ich habe gerade gedacht, ich wüsste sofort, worum es geht.“Sie verzog leicht den Mund.„Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich eigentlich nur Sachen über sie, die irgendwann irgendwer erzählt hat.“Jennifer spürte etwas in der Brust.Nicht Stolz.Eher ein leises Erkennen.Sie kannte diesen Satz.Nicht genau diese Worte.Aber den Ort, von dem sie kamen.- Nein. Eigentlich weiß ich nur, was mir über sie erzählt wurde.Jennifer sagte nichts.Sie musste nichts sagen.Die Frau sah kurz zu ihr.Nur einen Augenblick.Dann schob sie ihren Stuhl ein kleines Stück näher an den Tisch und fragte:„Zeigst du mir nachher noch mal dein Bild von der Ziegelei? Das mit den Lichtstrahlen?“Jennifer lächelte.„Klar.“Das Gespräch ging weiter.
Victoria hatte die ganze Zeit geschwiegen.Jennifer bemerkte es.Natürlich bemerkte sie es.Aber sie versuchte nicht, in ihrem Gesicht zu lesen.Sie fragte sich nicht, ob Victoria wütend war.Ob sie sich angegriffen fühlte.Ob sie Jennifer gerade anders sah.Vielleicht tat sie es.Vielleicht nicht.Jennifer musste es nicht wissen.Wenig später erzählte Victoria wieder von der Papierfabrik.Jemand stellte eine Frage zu ihrem Objektiv.Victoria nahm ihre Kamera und erklärte etwas.Innerhalb weniger Minuten standen wieder vier Leute um sie herum.Jennifer betrachtete die kleine Gruppe.Victoria in der Mitte.Blondes Haar.Die Brille im Haar.Große Gesten.Dieses unverkennbare Leuchten, sobald sie über Bilder sprach.Menschen mochten es, in ihrer Nähe zu sein.Das hatte Jennifer einmal sehr gut verstanden.Vielleicht verstand sie es noch immer.Victoria war wie ein gleißendes Licht.Und manche Menschen flogen gern ins Licht.Jennifer musste sie nicht davon abhalten.Sie musste auch nicht herausfinden, ob sie irgendwann bemerkten, dass starkes Licht manchmal Dinge sichtbar machte und andere verschwinden ließ.Das war ihre Kamera.Nicht Jennifers.Jennifer wandte sich wieder der Frau neben sich zu.„Also“, sagte sie. „Ziegelei.“Sie nahm ihre Kamera.Die Frau rückte näher.Jennifer öffnete das Foto.„Das hier.“„Oh, wow.“„Ich mochte das Licht.“Die Frau sah länger hin.„Ich hätte wahrscheinlich weiter nach oben fotografiert.“„Mach das.“„Was?“Jennifer lachte.„Wenn wir mal zusammen hinfahren. Fotografier nach oben.“„Und du?“Jennifer dachte kurz nach.„Keine Ahnung.“Sie lächelte.„Das weiß ich wahrscheinlich erst, wenn ich da bin.“
Es darf einfach sein
Später, als Jennifer nach Hause ging, dachte sie noch einmal an die Frau.An diesen kleinen Moment des Innehaltens.- Eigentlich kenne ich Anna kaum.Jennifer wusste nicht, was daraus werden würde.Vielleicht gar nichts.Vielleicht würde die Frau morgen wieder irgendeiner Geschichte zuhören.Vielleicht würde sie beim nächsten Mal erneut innehalten.Das lag nicht bei Jennifer.Und merkwürdigerweise fühlte sich gerade das gut an.Jennifer musste aus diesem einen Moment keine Zukunft machen.Heute hatte eine Frau kurz angehalten und selbst hingesehen.Das genügte.
Am nächsten Morgen fand Jennifer eine Nachricht von Victoria.Kein Vorwurf.Keine Frage wegen des Abends.Nur ein Foto.Die Papierfabrik.Ein anderes Bild als das, das sie gestern gezeigt hatte.Sonnenlicht fiel durch eine Reihe schmutziger Fenster und zog helle Streifen über den Boden.Darunter:
Das hier hätte dir gefallen.
Jennifer betrachtete es lange.Victoria hatte recht.Es gefiel ihr.Sehr sogar.Jennifer vergrößerte das Bild.Die Lichtstreifen.Den Staub.Die dunklen Stellen zwischen den Fenstern.Früher hätte sie vielleicht sofort etwas in die Nachricht hineininterpretiert.- Will sie wieder Nähe herstellen?- Ist das ein Versuch, mich zurückzuholen?- Warum schickt sie gerade mir dieses Bild?Heute wusste Jennifer es nicht.Und sie musste es nicht wissen.Vielleicht hatte Victoria einfach ein Bild gesehen und an sie gedacht.Vielleicht steckte mehr dahinter.Beides war möglich.Jennifer schrieb:
Ja. Sehr sogar. Das Licht ist wunderschön.
Dann legte sie das Handy weg.Nicht kalt.Nicht sehnsüchtig.Einfach so.Die schöne Erinnerung durfte schön bleiben.Ein schönes Bild durfte ein schönes Bild sein.Und eine Grenze durfte trotzdem eine Grenze bleiben.
Mein Fokus. Mein Auslöser. Meine Verantwortung.
Am Nachmittag nahm Jennifer ihre Kamera und ging hinaus.Sie hatte kein Ziel.Nach einer Weile kam sie an einem kleinen Bahnhof vorbei. Auf dem Bahnsteig stand eine alte Bank. Dahinter verliefen die Gleise in einer langen Kurve, bis sie zwischen Bäumen verschwanden.Jennifer blieb stehen.Sie hob die Kamera.Der Autofokus sprang auf die Bank.Jennifer sah durch den Sucher.Die Bank war scharf.Die Gleise dahinter verschwammen.Ein schönes Bild.Vielleicht hätte sie es früher einfach genommen.Aber heute interessierte sie etwas anderes.Sie stellte auf manuell.Drehte langsam am Objektiv.Die Bank wurde weich.Die Gleise erschienen.Noch ein kleines Stück.Die Kurve.Die Bäume dahinter.Jennifer hielt inne.Dann drehte sie zurück.Probierte noch einmal.Nicht, weil eine Einstellung falsch gewesen wäre.Sie wollte nur wissen, welches Bild sie heute machen wollte.Schließlich fand sie es.Klick.Jennifer nahm die Kamera herunter und betrachtete das Foto auf dem Display.Es war ihr Bild.Nicht die Wahrheit über diesen Bahnhof.Nicht das einzig richtige Bild.Nur das, was Jennifer in diesem einen Augenblick gesehen hatte.Und plötzlich musste sie an das Herrenhaus denken.An den Anhänger.An Anna.An Victoria.Und an sich selbst.Drei Frauen.Ein Gegenstand.Drei Fotografien.Damals hatte Jennifer geglaubt, Adrians Aufgabe sei mit dem Drücken des Auslösers beendet gewesen.Heute wusste sie, dass sie für sie selbst erst viel später begonnen hatte.Sie konnte zuhören.Sie konnte zweifeln.Sie konnte ihre Meinung ändern.Sie konnte sich irren.Sie konnte Verantwortung übernehmen.Sie konnte andere Perspektiven betrachten, ohne ihre eigene dafür aufzugeben.Jennifer hob die Kamera wieder.Ihre Hand lag am Objektiv.Ruhig.Vertraut.Sie wusste inzwischen, dass ein anderer Blick ihren eigenen nicht bedrohte.Dass sie zuhören konnte, ohne alles zu übernehmen.Dass sie helfen konnte, ohne die Kamera des anderen zu behalten.Dass sie einen Fehler eingestehen konnte, ohne sich selbst dafür für immer verurteilen zu müssen.Und dass sie neu fokussieren durfte, wenn etwas nicht mehr stimmte.Aber ihr Objektiv gab sie nicht mehr aus der Hand.Jennifer sah durch den Sucher.Die Bank.Die Gleise.Die Kurve.Alles war noch da.Sie entschied nur selbst, worauf sie ihren Blick richtete.Denn wenn die Kamera bei ihr blieb, gehörte auch der Auslöser zu ihr.Ihr Blick.Ihre Entscheidung.Ihr Fehler.Ihre Verantwortung.Und ihre Möglichkeit, es beim nächsten Mal anders zu machen.Jennifer legte den Finger auf den Auslöser.Für einen Moment wartete sie noch.Nicht aus Unsicherheit.Sondern weil sie hinsah.Dann lächelte sie.Klick.Ihr Blick gehörte wieder ihr...
Hier endet Jennifers Geschichte auf dieser Seite.
Was danach kommt, gehört wieder ihr.

Ein paar persönliche Worte„Das Foto“ ist für mich mehr als nur eine Geschichte.Beim Schreiben ist mir immer wieder bewusst geworden, wie viel ein Blickwinkel verändern kann. Wie schnell wir etwas übernehmen, weil jemand anderes es überzeugend erzählt. Wie leicht aus kleinen Bemerkungen ein Bild von einem Menschen entstehen kann. Und wie schwer es manchmal ist, den eigenen Blick wiederzufinden, wenn man ihn eine Zeit lang aus der Hand gegeben hat.Aber diese Geschichte handelt für mich nicht nur davon, beeinflusst zu werden.Sie handelt auch von Verantwortung.Davon, zu erkennen, wenn man selbst etwas weitergetragen, mitgetragen oder falsch eingeordnet hat. Davon, sich zu entschuldigen, ohne sich hinter Erklärungen zu verstecken. Und davon, nicht nur zu sagen: Es tut mir leid, sondern auch zu fragen: Was kann ich jetzt anders machen?Genauso wichtig war mir aber noch etwas anderes:Kein Mensch besteht nur aus einer Perspektive.Nicht Anna.Nicht Victoria.Nicht Jennifer.Wir alle sehen Ausschnitte. Wir erinnern unterschiedlich. Wir bewerten Situationen unterschiedlich. Und manchmal können mehrere Menschen etwas völlig verschieden erleben, ohne dass deshalb automatisch einer von ihnen „die ganze Wahrheit“ besitzt.Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt:Den eigenen Blick ernst zu nehmen, ohne ihn zur einzigen Wahrheit zu erklären.Andere Perspektiven anzuhören, ohne die eigene dafür aufzugeben.Grenzen zu setzen, auch wenn sie wehtun.Und Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst für immer auf einen Fehler zu reduzieren.Ich glaube, wir werden nie alles richtig sehen.Wir werden uns irren.Wir werden uns beeinflussen lassen.Wir werden Dinge falsch verstehen.Aber wir dürfen jederzeit innehalten.Neu hinsehen.Neu fokussieren.Und entscheiden, welches Bild wir selbst weitertragen möchten.
Es ist mein Objektiv.
Und ich stelle es ein.
Tanja Wiese
Outtakes
Auch beim Entstehen von „Das Foto“ lief nicht immer alles ganz nach Plan …
Alles auf einen Blick
Vielleicht möchtest du noch ein wenig weiter durch meine kleine Zauberwelt reisen.
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